Schielen: Was Therapien leisten können
Digitale Sehübungen, Behandlungen mit Blickverfolgung und individuell geplante Eingriffe erweitern die Forschung zur Schieltherapie. Doch nicht jede Verbesserung der Sehschärfe korrigiert auch die Augenstellung. Neue Studien zeigen Chancen – und Grenzen.
Schielen hat unterschiedliche Ursachen und Erscheinungsformen. Ein Auge kann ständig oder nur zeitweise abweichen, nach innen, außen oder in vertikaler Richtung. Entsprechend unterschiedlich sind die Behandlungsziele: eine bessere Augenstellung, weniger Doppelbilder oder eine bessere Entwicklung des Sehens. Eine einzige neue Therapie für alle Formen des Schielens zeichnet sich aus den hier ausgewerteten Quellen nicht ab.
Augenstellung und Sehschwäche getrennt betrachten
Für die Einordnung neuer Therapien ist eine Unterscheidung entscheidend: Schielen bezeichnet eine Fehlstellung der Augen. Amblyopie ist eine während der Sehentwicklung entstandene Sehschwäche. Beide können gemeinsam auftreten, sind aber nicht dasselbe.
Eine Behandlung mit Augenpflaster oder bestimmten Augentropfen soll bei Amblyopie die Nutzung des schwächeren Auges fördern. Auch neuere digitale Verfahren richten sich häufig gegen diese Sehschwäche. Ihr Erfolg ist deshalb nicht automatisch ein Nachweis dafür, dass sie das Schielen beseitigen. Eine frühzeitige Behandlung der Amblyopie bleibt wichtig. [1]
Bei bestimmten Formen des Einwärtsschielens kann bereits eine passende Brille die Augenstellung deutlich verbessern. Das gilt insbesondere für das akkommodative Schielen, bei dem die Anstrengung beim Scharfstellen eine Rolle spielt. Bleibt trotz Brille eine Fehlstellung bestehen, kann eine zusätzliche Operation infrage kommen. [2]
Neues Sehtraining: interessante Hinweise, noch kein Durchbruch
Eine im Dezember 2025 veröffentlichte Pilotstudie untersuchte ein individuell angepasstes Kontrasttraining bei Kindern mit zeitweiligem Auswärtsschielen, der intermittierenden Exotropie.
56 Kinder zwischen fünf und 14 Jahren wurden zufällig einem individuellen Training oder einem Vergleichstraining zugeteilt. Nach Ausschluss von sechs Kindern wegen unzureichender Teilnahme oder unvollständiger Nachuntersuchungen gingen 50 in die Auswertung ein. Trainiert wurde über 30 Tage. [3]
Das Ergebnis verlangt eine genaue Betrachtung: Bei den wichtigsten Zielgrößen – der Kontrolle des Schielens in Nähe und Ferne – verbesserten sich zunächst beide Gruppen. Unmittelbar nach dem Training bestand dabei kein statistisch gesicherter Unterschied zwischen den Gruppen.
Vorteile des individuellen Trainings zeigten sich bei einzelnen weiteren Messgrößen, darunter dem räumlichen Sehen und dem Schielwinkel in der Ferne. Verbesserungen waren in der Trainingsgruppe auch zwei Wochen nach Trainingsende nachweisbar. [3]
Das ist ein Forschungsansatz, keine gesicherte Alternative zur Operation. Die kleine Teilnehmerzahl, ausgeschlossene Fälle und die kurze Nachbeobachtung begrenzen die Aussagekraft. Ob der Nutzen über Monate anhält oder Eingriffe vermeiden hilft, beantwortet die Studie nicht.
Digitale Behandlung der begleitenden Amblyopie
Weiter fortgeschritten ist die Untersuchung bestimmter digitaler Verfahren gegen Amblyopie. Bei sogenannten dichoptischen Behandlungen erhalten beide Augen gezielt unterschiedliche Bildinformationen.
Eine 2025 veröffentlichte randomisierte Studie verglich eine häusliche Behandlung mit Blickverfolgung mit dem klassischen Abkleben. Teilgenommen hatten 149 Kinder im Alter von vier bis unter neun Jahren mit unterschiedlichen Amblyopieformen, darunter solche mit kleinem Schielwinkel. Die Behandlung dauerte 16 Wochen. [4]
In der maßgeblichen modifizierten Auswertung nach Gruppenzuteilung war die digitale Therapie hinsichtlich der Verbesserung der Sehschärfe dem Abkleben nicht unterlegen. Eine Überlegenheit zeigte sich in einer zusätzlichen Auswertung der Kinder, die das Studienprotokoll ausreichend eingehalten hatten. Beim Gewinn an räumlichem Sehen bestand kein statistisch gesicherter Gruppenunterschied. An der Publikation waren auch Personen mit Herstellerzugehörigkeit beteiligt. [4]
Die Ergebnisse sprechen für eine mögliche zusätzliche Behandlungsoption bei ausgewählten Kindern. Sie belegen weder eine Heilung großer Schielwinkel noch die Wirksamkeit beliebiger Sehtrainings-Apps. Aus der Studie allein folgen auch keine Aussagen zur Verfügbarkeit oder Kostenübernahme eines bestimmten Systems in Deutschland.
Botulinumtoxin: eine Option für ausgewählte Fälle
Die Injektion von Botulinumtoxin in Augenmuskeln ist keine neue Erfindung. Sie schwächt die Wirkung eines Muskels vorübergehend und kann dadurch die Augenstellung beeinflussen.
Wie gut das Verfahren im Vergleich zur Operation abschneidet, ist allerdings nicht für alle Schielformen geklärt. Eine Cochrane-Auswertung von 2023 umfasste vier randomisierte Studien mit insgesamt 242 Kindern und Erwachsenen. Die Evidenz war überwiegend von niedriger oder sehr niedriger Sicherheit. Zusammengefasst deuteten die Ergebnisse eher auf Vorteile der Operation bei der Korrektur der Augenstellung hin. [5]
Zu den berichteten Nebenwirkungen der Injektionen gehörte ein vorübergehend herabhängendes Oberlid. Ob Botulinumtoxin sinnvoll ist, muss deshalb anhand der konkreten Schielform und Behandlungssituation entschieden werden. Ein pauschaler Ersatz für die Operation lässt sich aus dieser Auswertung nicht ableiten. Ihr Literaturstand reicht bis Juli 2022. [5]
Operationen können nachjustiert werden
Bei manchen Schieloperationen werden verstellbare Nähte verwendet. Damit lässt sich die Stellung eines operierten Augenmuskels kurz nach dem Eingriff nochmals anpassen.
Auch diese Technik ist bereits etabliert. Sie kann bei geeigneten Personen eine zusätzliche Feinabstimmung ermöglichen, verlangt aber entsprechende Voraussetzungen und häufig eine aktive Mitarbeit bei der Nachjustierung. Die Fachgesellschaft AAPOS weist darauf hin, dass eine allgemeine Überlegenheit gegenüber der Operation mit festen Nähten nicht bewiesen ist. [6]
Die Möglichkeit zur Nachjustierung ist daher ein Werkzeug der individuellen Operationsplanung, keine Erfolgsgarantie.
Auch Erwachsene können behandelt werden
Eine Schielbehandlung ist nicht auf das Kindesalter beschränkt. Bei Erwachsenen kommen je nach Ursache beispielsweise Prismengläser gegen Doppelbilder, ausgewählte Übungsbehandlungen, Injektionen oder eine Augenmuskeloperation infrage. Welche Möglichkeit passt, hängt vom Befund ab. [7]
Plötzlich neu auftretendes Schielen oder neue Doppelbilder müssen unverzüglich ärztlich abgeklärt werden. In dieser Situation steht zunächst die Suche nach der Ursache im Vordergrund. [8]
Für eine geplante Behandlung ist eine spezialisierte augenärztliche Untersuchung mit orthoptischer Beurteilung sinnvoll. Dabei sollte ausdrücklich besprochen werden, welches Ziel erreichbar ist: eine bessere Augenstellung, weniger Doppelbilder, eine höhere Sehschärfe oder eine bessere Zusammenarbeit beider Augen.
Fortschritt braucht klare Behandlungsziele
Neue digitale Ansätze sind besonders dann interessant, wenn genau beschrieben wird, für welche Kinder und welche Sehfunktion sie untersucht wurden. Die aktuelle Trainingsstudie zum zeitweiligen Auswärtsschielen liefert erste Hinweise. Die digitale Amblyopiebehandlung besitzt für ausgewählte Gruppen bereits vergleichende Studiendaten. Beides ersetzt keine individuelle Diagnose. [3, 4]
Für Betroffene und Eltern lautet die wichtigste Frage deshalb: Was soll diese Behandlung bei dieser konkreten Schielform verbessern – und wie wird der Erfolg überprüft?
Quellen
[1] American Association for Pediatric Ophthalmology and Strabismus (AAPOS): Amblyopia – Ursachen und Behandlung.
[2] AAPOS: Accommodative Esotropia – Behandlung des akkommodativen Einwärtsschielens.
[3] Han M et al., 2025: Perceptual Learning Based on Adaptive Contrast Detection Training for Intermittent Exotropia: A Pilot Double-Masked Randomized Controlled Study. Investigative Ophthalmology & Visual Science, 66(15):6. DOI: 10.1167/iovs.66.15.6.
[4] Wygnanski-Jaffe T et al., 2025: High-Adherence Dichoptic Treatment Versus Patching in Anisometropic and Small Angle Strabismus Amblyopia: A Randomized Controlled Trial. American Journal of Ophthalmology, 269:293–302.
[5] Bort-Martí AR et al., 2023: Botulinum toxin for the treatment of strabismus. Cochrane Database of Systematic Reviews. DOI: 10.1002/14651858.CD006499.pub5.
[6] AAPOS: Adjustable Sutures in Strabismus Surgery.
[7] AAPOS: Adult Strabismus – Behandlungsmöglichkeiten bei Erwachsenen.
[8] Department of Health, Western Australia: Strabismus – Kriterien zur dringlichen Abklärung.
Recherchestand: 17. Oktober 2026.
Die Studienergebnisse wurden anhand der zugänglichen Publikationsangaben und Zusammenfassungen geprüft. Eine vollständige Prüfung sämtlicher Volltexte und Zusatzmaterialien ist damit noch nicht abgeschlossen.






