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Wie der Grönlandhai 400 Jahre lang sehen kann – und was das für die Augenheilkunde bedeutet

Der Grönlandhai (Somniosus microcephalus) gilt als das langlebigste bekannte Wirbeltier – manche Individuen erreichen ein Alter von bis zu 400 Jahren. Eine im Januar 2026 in Nature Communications veröffentlichte Studie eines Teams um Dorota Skowronska-Krawczyk (UC Irvine) mit Walter Salzburger und Lily G. Fogg (Universität Basel) liefert erstmals eine molekulare Erklärung dafür, warum die Netzhaut dieses Tieres über einen derart langen Zeitraum funktionsfähig bleibt.

Ausgangspunkt: Ein Irrtum wird widerlegt

Weil der Grönlandhai in den dunklen, kalten Tiefen des Nordatlantiks und der Arktis lebt und seine Augen häufig von dem Parasiten Ommatokoita elongata befallen sind, ging man lange davon aus, das Tier sei funktionell blind. Die neue Untersuchung widerlegt das: Die Netzhaut zeigt keine Anzeichen altersbedingter Degeneration, und Filmaufnahmen belegen, dass die Tiere ihre Augen aktiv dem Licht nachführen.

Der zentrale Befund: ein hochaktives DNA-Reparatursystem

Im Mittelpunkt der Studie steht der ERCC1-XPF-Komplex, ein DNA-Reparaturmechanismus, der aus zwei Genen besteht: ERCC1 und ERCC4 (auch als XPF bezeichnet). Dieser Komplex ist aus der Forschung an mehreren Organismen bereits als wichtiger Faktor für die Netzhautgesundheit bekannt.

Die Forschenden fanden zwei zentrale Muster:

  • Genretention: Hai-Arten mit besonders langer Lebensspanne, darunter der Grönlandhai, besitzen das Gen ERCC1 noch vollständig – bei kurzlebigeren Hai-Arten fehlt es dagegen.
  • Erhöhte Expression: Beim Grönlandhai ist ERCC4/XPF im Vergleich zu anderen Haien deutlich stärker exprimiert, also aktiver abgelesen.

Die Autor:innen leiten daraus ab, dass die bevorzugte Erhaltung und verstärkte Aktivität dieser DNA-Reparaturgene ein möglicher Mechanismus für die außergewöhnlich lange „gesunde Lebensspanne“ der Netzhaut ist. Wichtig für die Einordnung: Es handelt sich um eine aus Genexpressionsdaten abgeleitete Hypothese, keinen direkt nachgewiesenen Kausalmechanismus – entsprechend vorsichtig formulieren auch die Forschenden selbst.

Warum ausgerechnet dieser Reparaturkomplex?

Der ERCC1-XPF-Komplex ist beim Menschen medizinisch gut untersucht: Mutationen in diesen Genen verursachen Xeroderma pigmentosum, eine seltene Erkrankung mit vorzeitiger Alterung, extremer UV-Empfindlichkeit und früh einsetzendem Sehverlust. Bei Mäusen führt der gezielte Ausfall des ercc1-Gens (Knockout) nachweislich zu beschleunigter Netzhautdegeneration. Diese Vergleichsfälle stützen die Annahme, dass der Komplex tatsächlich eine Schutzfunktion für lichtempfindliches Gewebe hat – unabhängig vom Grönlandhai.

Anpassung an die Tiefsee

Neben der Reparaturfähigkeit beschreibt die Studie zwei weitere Anpassungen an den Lebensraum:

  • Eine reine Stäbchen-Netzhaut mit dicht gepackten, verlängerten Stäbchenzellen und vergleichsweise dünnen inneren Netzhautschichten – typisch für Sehen bei extremem Lichtmangel.
  • Trotz Parasitenbefalls an den Augen wurde eine Lichtdurchlässigkeit von 70 bis 100 Prozent gemessen, was die funktionelle Sehfähigkeit weitgehend erhält.

Bedeutung für den Menschen – mit Einschränkung

Der eigentliche Anknüpfungspunkt für die Alternsforschung: Der Mensch besitzt dieselben Gene (ERCC1, ERCC4), exprimiert sie aber in deutlich geringerem Ausmaß als der Grönlandhai. Das deutet darauf hin, dass nicht das Vorhandensein, sondern die Intensität der Aktivierung dieser Reparaturgene den Unterschied in der Alterungsgeschwindigkeit der Netzhaut erklären könnte.

Skowronska-Krawczyk nennt als mögliche Zielerkrankungen für zukünftige Anwendungen die altersbedingte Makuladegeneration und Glaukom. Entscheidend ist jedoch: Es existiert bislang kein Wirkstoff, keine Therapie und kein klinischer Nachweis, dass sich diese Erkenntnisse auf den Menschen übertragen lassen. Das Forschungsteam plant als nächsten Schritt Versuche an Mäusen, um zu prüfen, ob sich die beobachteten Reparaturmechanismen auf Säugetiere übertragen lassen. Diese Arbeiten stehen noch aus.

Einordnung

Die Studie ist eine Grundlagenarbeit zu einem einzelnen, außergewöhnlichen Wildtier. Sie liefert einen plausiblen, durch Vergleichsdaten (Xeroderma pigmentosum, Maus-Knockouts) gestützten Mechanismus – aber noch keinen belegten Weg zu einer Behandlung altersbedingter Sehkraftverluste beim Menschen. Wer bereits jetzt Veränderungen der eigenen Sehkraft bemerkt, sollte das unabhängig von dieser Forschung augenärztlich abklären lassen; Online-Sehtests ersetzen keine fachärztliche Untersuchung.


Quellen

  1. Fogg, L. G., Salzburger, W., Skowronska-Krawczyk, D. et al. The visual system of the longest-living vertebrate, the Greenland shark. Nature Communications (2026). https://www.nature.com/articles/s41467-025-67429-6 — Originalpublikation, Primärquelle für alle Gen- und Netzhautbefunde.
  2. Eye-opening research. UC Irvine News, 05.01.2026. https://news.uci.edu/2026/01/05/eye-opening-research/ — Offizielle Pressemitteilung der Universität mit Studieneinordnung und Zitaten von Skowronska-Krawczyk.
  3. This shark can live 400 years. Its eyes barely seem to age. ScienceDaily, 21.08.2026. https://www.sciencedaily.com/releases/2026/08/260821012232.htm
  4. Eyes of the world’s longest-living vertebrate, the Greenland shark, show little ageing. ABC News (Australien), 10.01.2026. https://www.abc.net.au/news/science/2026-01-10/eyes-dont-age-for-greenland-shark/106019818
  5. Shark Eyes Inform Age-Related Vision Loss. mivision, 28.02.2026. https://mivision.com.au/2026/03/shark-eyes-inform-age-related-vision-loss/
  6. Long-lived Greenland sharks may point to new approaches for retinal disease. Ophthalmology Times, 19.03.2026. https://www.ophthalmologytimes.com/view/long-lived-greenland-sharks-may-point-to-new-approaches-for-retinal-disease — Fachmedium für Augenheilkunde, ordnet die Studie klinisch ein.
  7. Greenland sharks reveal that extreme longevity does not have to mean failing vision. The Brighter Side of News, 10.01.2026. https://www.thebrighterside.news/post/greenland-sharks-maintain-vision-for-centuries-through-dna-repair-mechanism/
  8. Ad-hoc-news.de: Netzhautalterung: Grönlandhai zeigt Reparatur-Mechanismus für 400 Jahre, 25.08.2026 (Ausgangsartikel, sekundäre Zusammenfassung ohne eigene Primärdaten). https://www.ad-hoc-news.de/wissenschaft/netzhautalterung-groenlandhai-zeigt-reparatur-mechanismus-fuer-400-jahre/69996612

Hinweis: Abbildung wurde unter Mithilfe von Open ai erstellt.

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