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Rotes Auge, blinder Fleck – eine Profession unter Druck

Kommentar zur Stellungnahme von BVA und DOG zum ABDA-Positionspapier zur Primärversorgung

BVA und DOG haben recht – und liegen trotzdem daneben.

Die medizinischen Argumente stimmen. Ein rotes Auge ist keine Banalität. Eine Keratitis verzeiht keine Stunden, ein Glaukomanfall keine Laiendiagnostik. Eine Acanthamoeba-Keratitis kann, wenn sie nicht umgehend behandelt wird, zu dauerhaftem Sehverlust führen oder eine Hornhauttransplantation erforderlich machen.[^1] Und das Resistenzargument ist ebenfalls solide: Eine wichtige Ursache für die zunehmende Resistenzentwicklung ist die unkritische Verschreibung von Antibiotika – häufig bei viralen Infektionen, obwohl diese nur bei bakteriellen Infektionen wirksam sind.[^2] Die Spaltlampe fehlt in der Apotheke – das ist keine Meinung, das ist ein Fakt.

Und trotzdem lässt diese Stellungnahme einen schalen Nachgeschmack.


Berufsgruppe gegen Berufsgruppe

Zunächst zur Einordnung, die in der Debatte gern untergeht: Das ABDA-Positionspapier kommt nicht aus einem gesundheitspolitischen Vakuum. Die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände – ist die Dachorganisation der Apothekerschaft. Was hier vorliegt, ist kein neutraler Reformvorschlag. Es ist ein strategischer Vorstoß einer Berufsgruppe in das Territorium einer anderen. Das macht die Forderungen nicht falsch – aber es erklärt, warum BVA und DOG so scharf reagieren. Und es verpflichtet beide Seiten zur Transparenz über ihre eigenen Interessen.


Der eigentliche Kontext

Wer beide Pressemitteilungen des BVA aus den letzten Wochen liest (zu finden auf Augenlicht.de) , versteht die Tonlage besser – und wird dadurch nicht milder, sondern nachdenklicher.

Auf der einen Seite: Ein Beitragsstabilisierungsgesetz, das die ambulante Versorgung weiter unter Druck setzt. Die Zahlen sind bekannt: 97 Prozent aller Behandlungsfälle – insgesamt 600 Millionen pro Jahr – werden in Arzt- und Psychotherapiepraxen versorgt, dabei entfallen auf die Behandlung dort nur 16 Prozent der GKV-Ausgaben.[^3] Auf der anderen Seite: ein Apothekerverband, der Kompetenzen in die Apotheke verlagern möchte.

Die Augenärzteschaft sieht sich also gleichzeitig von oben und von unten unter Druck – finanziell und berufsrechtlich. Das erklärt den Ton. Es rechtfertigt ihn nicht.


Was die Stellungnahme verschweigt

Die Argumentation gegen das ABDA-Papier beantwortet eine Frage, die so niemand gestellt hat. Die ABDA fordert keine Augenärzte in Apothekenkittel. Sie positioniert Apotheken als niederschwellige erste Anlaufstelle – was etwas anderes ist. Darauf antwortet BVA/DOG mit dem Worst-Case-Szenario. Das ist rhetorisch wirksam. Aber es ist kein Argument gegen bessere Triage – es ist ein Argument für sie.

Was vollständig fehlt: die Realität. Kassenpatienten warten beim Facharzt. Die Zahlen sind eindeutig: Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Facharzttermin betrug im Jahr 2024 für gesetzlich Versicherte 42 Tage – neun Tage mehr als noch 2019.[^4] Und dabei bleibt es nicht: Insgesamt 48 Prozent der Patientinnen und Patienten müssen länger als vier Wochen auf eine fachärztliche Behandlung warten.[^5]

Wer also „nur der Facharzt darf das beurteilen“ sagt, muss gleichzeitig erklären, wie ein Patient mit akutem rotem Auge diesen Facharzt in den nächsten 24 Stunden erreicht. Diese Erklärung bleibt die Stellungnahme schuldig.

In dieser Lücke sitzt der Patient: ohne Termin, ohne Spaltlampe, ohne Antwort.


Das systemische Paradox

Hier liegt das eigentliche Paradox: Dieselbe Politik, die die ambulante Versorgung finanziell aushöhlt, treibt gleichzeitig die Debatte über Kompetenzverschiebungen voran – weil die Lücken, die durch Unterfinanzierung entstehen, irgendwie gefüllt werden müssen. Und in dieses Vakuum stoßen die Apotheker mit ihrer ABDA – nicht aus reiner Nächstenliebe, sondern weil auch sie eine berufsständische Zukunft gestalten wollen.

Der BVA benennt den Honorardruck klar und mutig. Die Versorgungslücke ignoriert er. Dabei haben beide dasselbe Fundament: ein System, das spart, wo es nicht sparen kann. Trotz deutlich gestiegener Vergütung für offene Sprechstunden warten gesetzlich Versicherte immer länger auf einen Facharzttermin – Bundesgesundheitsministerin Nina Warken verwies selbst skeptisch auf die geplante Reform der ambulanten Versorgung.[^6]

„Offensichtlich ist die Politik auf diesem Auge blind“, sagt BVA-Vorsitzender Daniel Pleger. Vielleicht. Aber eine Profession, die gegen Honorarkürzungen kämpft und gleichzeitig Versorgungslücken nicht adressiert, macht es der Politik leicht, beide Argumente gegeneinander auszuspielen.


Der Ausweg

Der Ausweg ist kein medizinischer – er ist ein kommunikativer und struktureller. Drei Berufsgruppen beantworten drei verschiedene Fragen:

  • Die Augenärzteschaft fragt: „Wer ist kompetent?“
  • Die Apothekerschaft fragt: „Wer ist erreichbar?“
  • Die Politik fragt: „Wer ist billiger?“

Solange diese drei Fragen nicht gemeinsam gestellt werden, wird jede Stellungnahme zur Rechtfertigung – und keine zur Lösung.

Was konkret helfen würde: ein gemeinsames, verbindliches Triageprotokoll. Die Apotheke als erste Anlaufstelle mit klar definierten Alarmsymptomen, die eine garantierte Weiterleitung – nicht irgendwann, sondern innerhalb von Stunden – in die augenfachärztliche Versorgung auslösen. Dafür braucht es keine neue Kompetenzverteilung. Es braucht Kooperation, standardisierte Prozesse – und eine Finanzierung, die Augenärzte nicht zwingt, zwischen Qualität und Wirtschaftlichkeit zu wählen.

Die Medizin hat recht. Das System hat ein Problem. Und der Patient mit rotem Auge wartet derweil – auf einen Termin, den er so schnell nicht bekommt, und auf eine Lösung, die alle Seiten bisher verweigern.


Quellen

[^1]: AllAboutVision: „Acanthamoeba-Keratitis: Wichtige Information für Kontaktlinsenträger“, 03.09.2021. allaboutvision.com — Ergänzend: MSD Manual Profi-Ausgabe, Amöbenkeratitis. msdmanuals.com

[^2]: Bundesgesundheitsministerium: DART – Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie. bundesgesundheitsministerium.de

[^3]: Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV): Dossier Ambulantisierung, 2025. kbv.de

[^4]: AOK-Gesundheitspartner / Deutsches Ärzteblatt: „Patienten warten im Schnitt 42 Tage auf Facharzttermin“, 04.02.2026. aok.de

[^5]: Techniker Krankenkasse Bayern: „Beim Facharzt wartet jeder Zweite mehr als vier Wochen“, 19.02.2026. tk.de

[^6]: ZDF heute / Rheinische Post: „Gesetzlich Versicherte warten länger auf Facharzttermine“, 04.02.2026. zdfheute.de

[^7]: Deutsches Ärzteblatt: „Kontaktlinsen-assoziierte Keratitis – eine häufig unterschätzte Gefahr“, Archiv 2022. aerzteblatt.de


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