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Potenzmittel-Wirkstoff Tadalafil: Erhöht er das Risiko für Grünen Star?

Millionen Männer nehmen Medikamente gegen erektile Dysfunktion oder gegen eine vergrößerte Prostata ein. Eine neue, große Studie aus Taiwan zeigt nun: Der Wirkstoff Tadalafil könnte bei langfristiger, täglicher Einnahme das Risiko für die Augenkrankheit Glaukom (Grüner Star) erhöhen. Was genau wurde untersucht – und wie besorgt sollten Betroffene wirklich sein?

Worum geht es bei Tadalafil?

Tadalafil ist der Wirkstoff des bekannten Potenzmittels Cialis. Er gehört zur Gruppe der sogenannten PDE5-Hemmer, zu der auch Sildenafil (Viagra) zählt. Diese Medikamente entspannen die Gefäßmuskulatur und verbessern so die Durchblutung – ursprünglich vor allem zur Behandlung der erektilen Dysfunktion entwickelt.

Weniger bekannt: In niedriger Dosis wird Tadalafil auch täglich verschrieben – nicht gegen Erektionsstörungen, sondern gegen Beschwerden der unteren Harnwege, die bei einer gutartig vergrößerten Prostata (BPH) auftreten. Dazu zählen häufiger Harndrang, ein schwacher Harnstrahl oder eine unvollständige Blasenentleerung. Genau diese Dauertherapie stand im Zentrum der neuen Studie – nicht die gelegentliche Einnahme bei Bedarf, wie sie bei erektiler Dysfunktion üblich ist.

Was hat die Studie untersucht?

Ein Forschungsteam, unter anderem vom National Taiwan University Hospital, wertete Daten von fast 74.000 Männern ab 40 Jahren aus einer internationalen Gesundheitsdatenbank aus. Rund 37.000 von ihnen nahmen wegen Prostatabeschwerden über bis zu fünf Jahre täglich Tadalafil ein, die restlichen rund 37.000 Männer erhielten keinen PDE5-Hemmer. Beide Gruppen wurden sorgfältig nach Alter, Vorerkrankungen und weiteren Faktoren einander angeglichen, um einen fairen Vergleich zu ermöglichen. Männer mit einer bereits bestehenden Glaukom-Diagnose wurden von vornherein ausgeschlossen.

Das Ergebnis

Nach fünf Jahren zeigte sich in der Tadalafil-Gruppe ein deutlich höheres Risiko für Augenprobleme:

  • 22 % höheres Risiko, ein Glaukom zu entwickeln
  • 32 % höheres Risiko für einen erhöhten Augeninnendruck (okuläre Hypertension)
  • 33 % höheres Risiko für die häufigste Glaukomform, das primäre Offenwinkelglaukom
  • 33 % höheres Risiko, dass überhaupt eine Glaukom-Behandlung begonnen werden musste

Die Forschenden selbst betonen dazu: „Diese Ergebnisse sprechen dafür, dass eine dauerhafte Hemmung des Enzyms PDE5 die Physiologie des Auges beeinflussen könnte – das sollte weiter erforscht werden.“ Gleichzeitig stellen sie klar, dass die Studie keinen Grund liefert, die Behandlung abzubrechen. Sie empfehlen stattdessen, bei einer langfristigen Tadalafil-Einnahme regelmäßig zum Augenarzt zu gehen – besonders, wenn bereits ein erhöhtes persönliches Glaukom-Risiko besteht, etwa durch familiäre Vorbelastung, Kurzsichtigkeit oder bereits erhöhten Augendruck.

Was die Studie nicht beweist

So beeindruckend die Zahlen klingen: Es handelt sich um eine sogenannte Beobachtungsstudie. Das bedeutet, sie zeigt einen statistischen Zusammenhang – aber keinen bewiesenen Kausalzusammenhang. Mehrere Punkte sollten bei der Einordnung beachtet werden:

Mehr Arztbesuche, mehr Diagnosen. Männer, die wegen Prostatabeschwerden regelmäßig in ärztlicher Behandlung sind, werden möglicherweise auch häufiger auf andere gesundheitliche Probleme untersucht – darunter ein bislang unentdecktes Glaukom. Ein Teil des gemessenen Effekts könnte also schlicht daran liegen, dass in dieser Gruppe genauer hingeschaut wurde, nicht daran, dass das Medikament tatsächlich Schäden verursacht.

Wichtige Risikofaktoren wurden nicht berücksichtigt. Die Studie hat zwar für Alter, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und ähnliche Faktoren angeglichen – nicht aber für familiäre Vorbelastung oder Kurzsichtigkeit, obwohl gerade diese beiden Faktoren als Risikogruppen genannt werden, die besonders im Auge behalten werden sollten.

Prozentzahlen wirken größer, als sie sind. Eine Risikoerhöhung von 22 bis 33 Prozent klingt dramatisch. Wie hoch das tatsächliche, absolute Risiko für den einzelnen Mann ist, geht daraus aber nicht hervor – Glaukom bleibt insgesamt eine Erkrankung, die sich meist erst im höheren Lebensalter und über Jahre entwickelt.

Die Studienteilnehmer waren überwiegend weiß, die Ergebnisse lassen sich daher nicht unbedingt auf alle Bevölkerungsgruppen übertragen.

Ein biologischer Mechanismus, der erklären würde, wie Tadalafil das Auge über Jahre schädigen könnte, ist bislang übrigens nicht eindeutig nachgewiesen. Frühere Untersuchungen zu kurzfristigen Effekten von PDE5-Hemmern auf den Augeninnendruck zeigten meist nur geringe, vorübergehende Veränderungen.

Bekannte Augen-Nebenwirkungen von PDE5-Hemmern

Ein Zusammenhang zwischen PDE5-Hemmern und Augenproblemen ist grundsätzlich nicht neu. Frühere Studien und Fallberichte beschreiben – meist selten und häufig reversibel – unter anderem:

  • vorübergehende Veränderungen des Farb- oder Lichtsehens
  • erhöhten Augeninnendruck
  • eine seltene Form der Durchblutungsstörung des Sehnervs (NAION)
  • vereinzelte Netzhautveränderungen

Diese Nebenwirkungen sind insgesamt selten, und die meisten bilden sich von selbst wieder zurück. Ein eigenständiges, so klar quantifiziertes Signal für ein erhöhtes Glaukom-Risiko bei Dauertherapie ist jedoch neu und wurde in diesem Umfang bisher nicht gezeigt.

Was bedeutet das für Sie?

  • Wer Tadalafil gelegentlich bei Bedarf gegen erektile Dysfunktion einnimmt, war in dieser Studie nicht die untersuchte Gruppe – hier ist die Datenlage anders und die Gesamtdosis deutlich geringer.
  • Wer Tadalafil täglich über längere Zeit wegen Prostatabeschwerden einnimmt, sollte das mit seinem Arzt oder seiner Ärztin besprechen – ein Grund, die Therapie eigenmächtig abzubrechen, ist das aber ausdrücklich nicht.
  • Sinnvoll ist eine regelmäßige augenärztliche Kontrolle, besonders bei familiärer Glaukom-Vorbelastung, Kurzsichtigkeit oder bereits bekanntem erhöhtem Augeninnendruck.
  • Plötzliche Sehveränderungen, Gesichtsfeldausfälle oder Augenschmerzen sollten in jedem Fall zeitnah augenärztlich abgeklärt werden.

Fazit

Die neue Studie liefert ein ernstzunehmendes Warnsignal, aber keinen endgültigen Beweis dafür, dass Tadalafil tatsächlich ein Glaukom auslöst. Für Männer, die den Wirkstoff dauerhaft gegen Prostatabeschwerden einnehmen, spricht vieles für mehr Aufmerksamkeit gegenüber der eigenen Augengesundheit – Panik ist jedoch nicht angebracht.


Quelle: Hsia Y, et al. Risk of glaucoma among patients using tadalafil for lower urinary tract symptoms: a multinational cohort study. British Journal of Ophthalmology, 2026.

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