AMD: Was neue Therapien leisten und wo ihre Grenzen liegen
Längere Abstände zwischen Augenspritzen, Lichtbehandlungen und experimentelle Gen- oder Zelltherapien: Die Forschung zur altersabhängigen Makuladegeneration entwickelt sich weiter. Für Betroffene ist entscheidend, welcher Nutzen tatsächlich belegt ist und für welche Erkrankungsform er gilt.
Wer mit altersabhängiger Makuladegeneration, kurz AMD, lebt, verbindet mit neuen Behandlungen Hoffnung. Hinter Erfolgsmeldungen können jedoch unterschiedliche Ergebnisse stehen: bessere Sehschärfe, weniger Injektionen oder langsamer wachsende Netzhautschäden. Diese Unterschiede bestimmen, was eine Therapie leisten kann.
Bei der feuchten AMD schädigen krankhaft wachsende, undichte Blutgefäße die Netzhaut. Bei der geografischen Atrophie, einer fortgeschrittenen Form der trockenen AMD, gehen Netzhautzellen zugrunde. Die Behandlungsansätze unterscheiden sich entsprechend. [1, 2]
Feuchte AMD: Längere Abstände zwischen den Spritzen
Medikamente gegen die feuchte AMD hemmen Signale, die krankhaftes Gefäßwachstum fördern. Sie werden in das Auge injiziert. Ein Ziel neuerer Ansätze ist, ihre Wirkung länger aufrechtzuerhalten.
Der Wirkstoff Faricimab blockiert die Signalwege VEGF-A und Angiopoietin-2. In zwei maßgeblichen Studien mit insgesamt 1.329 Betroffenen war die Behandlung in Abständen von bis zu 16 Wochen hinsichtlich der Sehverbesserung vergleichbar mit Aflibercept im achtwöchigen Abstand. Der längste Abstand eignet sich allerdings nicht für alle Betroffenen. [3]
Auch höher dosiertes Aflibercept wurde auf längere Wirksamkeit untersucht. Die PULSAR-Studie verglich acht Milligramm in zunächst zwölf- oder sechzehnwöchigen Abständen mit zwei Milligramm alle acht Wochen. Nach drei anfänglichen monatlichen Injektionen konnten die Abstände in den höher dosierten Gruppen nach festgelegten Kriterien angepasst werden.
Nach 96 Wochen war die Sehentwicklung vergleichbar. Unter den Teilnehmenden, die die Behandlung bis dahin abschlossen, waren mit acht Milligramm durchschnittlich 9,7 beziehungsweise 8,2 Injektionen erforderlich, gegenüber 12,8 mit zwei Milligramm. Das spricht für eine mögliche Verringerung der Behandlungslast, belegt aber keine grundsätzlich bessere Sehschärfe durch die höhere Dosis. Die Studie untersuchte zuvor unbehandelte Menschen mit feuchter AMD. [4]
Längere Abstände machen die Behandlung nicht risikofrei. Die europäische Arzneimittelbewertung nennt für Faricimab unter anderem Entzündungen im Auge sowie Netzhautrisse und Netzhautablösungen als mögliche schwerwiegende Nebenwirkungen. Nutzen, Risiken und Behandlungsabstände müssen individuell beurteilt werden. [3]
Trockene AMD: Langsamerer Gewebeverlust ist nicht automatisch besseres Sehen
Bei der geografischen Atrophie wurde unter anderem Pegcetacoplan untersucht. In den Studien OAKS und DERBY mit insgesamt 1.258 Menschen verlangsamte der Wirkstoff nach 24 Monaten das Wachstum geschädigter Netzhautflächen gegenüber einer Scheinbehandlung um 16 bis 22 Prozent, abhängig von Studie und Behandlungsintervall.
Zum früheren Hauptauswertungszeitpunkt nach zwölf Monaten waren die Ergebnisse nicht einheitlich: Während OAKS statistisch signifikante Unterschiede zeigte, erreichte DERBY diese Schwelle zunächst nicht. Nach 24 Monaten waren die Unterschiede in beiden Studien statistisch signifikant. [5]
Diese Prozentwerte beschreiben die Verlangsamung des Flächenwachstums. Sie bedeuten nicht entsprechend mehr Sehkraft oder ein entsprechend geringeres Erblindungsrisiko. Bei den wichtigsten zusätzlichen Messgrößen der Sehfunktion zeigte sich nach zwei Jahren kein Unterschied zwischen den Gruppen. Unter Behandlung entwickelte sich zudem häufiger eine feuchte AMD. Nach den Angaben der Veröffentlichung wurden die Studien vom Hersteller finanziert. [5]
Die Anschlussstudie GALE liefert zusätzliche Hinweise: Neben einer weiteren Verlangsamung des Flächenwachstums wurden bei kontinuierlicher monatlicher Behandlung nach drei Jahren weniger neue lichtunempfindliche Messpunkte in einer Untersuchung der Netzhautfunktion festgestellt.
In der Anschlussphase erhielten allerdings auch die zuvor scheinbehandelten Teilnehmenden den Wirkstoff. Für bestimmte Vergleiche wurde der unbehandelte Verlauf deshalb rechnerisch fortgeschrieben. Das ist weniger belastbar als eine gleichzeitig weitergeführte, zufällig zugeteilte Kontrollgruppe. Aus den hier dargestellten Ergebnissen zum Flächenwachstum und zur Mikroperimetrie allein lässt sich ein Vorteil beim Lesen oder bei der Lebensqualität nicht ableiten. [6]
Europäische Zulassungsentscheidungen
Der europäische Zulassungsantrag für Pegcetacoplan zur Behandlung der geografischen Atrophie wurde am 16. Dezember 2024 abgelehnt. Zuvor hatte die Europäische Arzneimittel-Agentur ihre negative Empfehlung nach erneuter Prüfung bestätigt. Nach ihrer Bewertung war ein klinisch bedeutsamer Nutzen für den Alltag nicht ausreichend nachgewiesen. Unter Berücksichtigung der Risiken ließ sich keine positive Nutzen-Risiko-Bilanz feststellen. Diese Entscheidung betrifft die beantragte Anwendung bei geografischer Atrophie. [2]
Beim Wirkstoff Avacincaptad pegol wurde der europäische Zulassungsantrag für diese Erkrankung am 24. Oktober 2024 zurückgezogen. Die EMA nennt Bedenken hinsichtlich der Wirksamkeit als Grund für den Rückzug. Meldungen über Behandlungen im Ausland müssen deshalb mit dem jeweiligen europäischen Zulassungsstatus eingeordnet werden. [7]
Lichttherapie: Messbarer Sehgewinn mit Einschränkungen
Bei der Photobiomodulation wird Licht bestimmter Wellenlängen eingesetzt. Die randomisierte, doppelt verblindete Studie LIGHTSITE III untersuchte ein bestimmtes medizinisches Lichtbehandlungssystem bei 100 Menschen mit insgesamt 148 Augen. Rund 71 Prozent der eingeschlossenen Augen hatten eine intermediäre AMD. Augen mit feuchter AMD oder geografischer Atrophie im zentralen Ein-Millimeter-Bereich waren ausgeschlossen. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht auf alle AMD-Betroffenen oder beliebige Lichtgeräte übertragen. [8, 9]
Nach 21 Monaten verbesserte sich die Sehschärfe im statistischen Modell in der Lichttherapiegruppe durchschnittlich um 6,2 Buchstaben auf der Sehtafel, in der Kontrollgruppe um 2,4. Der zusätzliche Gewinn betrug somit rund 3,8 Buchstaben. Nach 24 Monaten lag der Unterschied bei rund 4,3 Buchstaben. Beide Gruppenunterschiede waren statistisch signifikant. Es handelt sich um durchschnittliche Ergebnisse, nicht um einen garantierten Gewinn für einzelne Betroffene. [8]
Die Kontrollgruppe erhielt ebenfalls Licht, allerdings in deutlich geringerer Dosierung und ohne die Nahinfrarot-Komponente. Vorgesehen waren sechs Behandlungsserien mit jeweils neun Sitzungen innerhalb von zwei Jahren – insgesamt 54 Sitzungen. [8, 9]
Die Abbruchquote betrug insgesamt 20 Prozent; bei der Fallzahlplanung waren zehn Prozent angenommen worden. Sie lag in der Behandlungsgruppe unter derjenigen der Kontrollgruppe. Dokumentiert wurden zurückgezogene Einwilligungen, gesundheitliche Ereignisse außerhalb des Auges und Schwierigkeiten mit weiteren Besuchen im Studienzentrum. Warum einzelne Personen ihre Einwilligung zurückzogen, erläutert das Ablaufdiagramm nicht. [9, 10]
Fehlende Messwerte wurden statistisch ergänzt. Die Zusatzunterlagen beschreiben eine im Rahmen der US-amerikanischen Zulassungsprüfung ergänzte Auswertung. Auch das zuvor verwendete Verfahren zeigte nach 21 und 24 Monaten einen statistisch signifikanten Sehschärfevorteil. Dies stützt den Wirksamkeitshinweis, beseitigt aber nicht sämtliche Unsicherheiten durch fehlende Daten. [9]
Was die Sicherheitsdaten zur Lichttherapie zeigen
Eine feuchte AMD entwickelte sich bei sieben von 93 behandelten Augen und bei zwei von 55 Kontrollaugen. In der Behandlungsgruppe waren allerdings mehr Menschen eingeschlossen, deren anderes Auge bereits eine feuchte AMD aufwies. Ob die Behandlung das Risiko einer feuchten AMD beeinflusst, lässt sich aus diesen kleinen Fallzahlen und den unterschiedlichen Ausgangsrisiken nicht abschließend beurteilen.
Die Studienautoren bewerteten keines der schwerwiegenden Ereignisse als behandlungsbedingt und berichteten keine Hinweise auf lichtbedingte Gewebeschäden. [8]
Eine geografische Atrophie entstand bei sechs von 87 zunächst nicht betroffenen Augen der Lichttherapiegruppe und bei zwölf von 50 Kontrollaugen. Diese zusätzliche Auswertung war nicht gegen die statistischen Folgen mehrfacher Tests abgesichert. Sie liefert einen Hinweis auf einen möglichen Schutz vor Fortschreiten der Erkrankung, der weiterer Bestätigung bedarf. [8]
Nach den Angaben der Veröffentlichung wurde die Studie durch den Gerätehersteller und das US-amerikanische National Eye Institute unterstützt. Mehrere Autoren waren beim Hersteller beschäftigt oder für ihn beratend tätig. [8]
Die deutschen Fachgesellschaften DOG, Retinologische Gesellschaft und Berufsverband der Augenärzte äußerten in ihrer Stellungnahme vom Juli 2025 methodische Bedenken und empfahlen damals die Anwendung ausschließlich innerhalb klinischer Studien. Diese zeitlich zugeordnete Bewertung und die 2026 veröffentlichte Zweijahresauswertung sind gemeinsam zu berücksichtigen. Aus der späteren Veröffentlichung allein lässt sich keine Änderung der fachgesellschaftlichen Empfehlung ableiten. [8, 11]
Gen- und Zelltherapien: Ansätze in der Forschung
Bei der feuchten AMD sollen Gentherapien das Auge dazu bringen, längerfristig selbst einen Wirkstoff gegen krankhaftes Gefäßwachstum herzustellen. Zu einem solchen Ansatz wurde eine frühe klinische Studie veröffentlicht. Nach Angaben des Entwicklers wird das Verfahren außerdem in den größeren Vergleichsstudien ATMOSPHERE und ASCENT untersucht. Ob eine einmalige Behandlung dauerhaft zusätzliche Injektionen ersetzen kann, muss in den entsprechenden Studien gezeigt werden. [12, 13]
Zelltherapien sollen dagegen geschädigtes Stützgewebe der Netzhaut ersetzen. Forschende am US-amerikanischen National Eye Institute entwickeln dafür Gewebepflaster aus patienteneigenen, im Labor umprogrammierten Zellen.
Eine 2025 vorgestellte Untersuchung zeigte in einem Tiermodell, dass solche Transplantate das Überleben lichtempfindlicher Zellen unterstützen können. Das Institut verweist auch auf eine frühe klinische Prüfung. Die tierexperimentellen Ergebnisse beweisen jedoch noch keine Wiederherstellung des Sehvermögens beim Menschen. [14]
Für Betroffene bleiben konkrete Fragen für das ärztliche Gespräch: Welche AMD-Form liegt vor? Welchen Nutzen kann eine vorgeschlagene Behandlung nachweislich bieten? Wie groß sind Aufwand und Risiken? Und handelt es sich um eine zugelassene Behandlung oder um die Teilnahme an einer Studie?
Quellen
- Europäische Arzneimittel-Agentur: Aflibercept. Informationen zu Anwendung, Wirksamkeit und Risiken. EMA-Information
- Europäische Arzneimittel-Agentur: Pegcetacoplan zur Behandlung der geografischen Atrophie. Dokumentation der Ablehnung des europäischen Zulassungsantrags. EMA-Bewertung
- Europäische Arzneimittel-Agentur: Faricimab. Informationen zu Anwendung, Studienergebnissen und Risiken. EMA-Information
- Korobelnik J-F und Kollegen: Intravitreal Aflibercept 8 mg in Neovascular Age-Related Macular Degeneration: Ninety-Six-Week Results from the Randomized Phase 3 PULSAR Trial. Ophthalmology, 2026;133:39–50. PubMed
- Heier JS und Kollegen: Pegcetacoplan for the treatment of geographic atrophy secondary to age-related macular degeneration (OAKS and DERBY): two multicentre, randomised, double-masked, sham-controlled, phase 3 trials. The Lancet, 2023;402:1434–1448. PubMed
- Wykoff CC und Kollegen: Pegcetacoplan Treatment for Geographic Atrophy in Age-Related Macular Degeneration Over 36 Months: Data From OAKS, DERBY, and GALE. American Journal of Ophthalmology, 2025;276:350–364. PubMed
- Europäische Arzneimittel-Agentur: Avacincaptad pegol. Informationen zum Rückzug des Zulassungsantrags. EMA-Information
- Jaffe GJ und Kollegen: Long-term Efficacy and Safety of Photobiomodulation in Dry Age-Related Macular Degeneration (LIGHTSITE III: 24-Month Analysis). Retina, 2026;46:783–795. Originalveröffentlichung
- Jaffe GJ und Kollegen: LIGHTSITE III – Supplemental Digital Content 3. Ergänzende Tabellen zu Auswahlkriterien, Methoden, statistischen Analysen und Ergebnissen. Zusatzdatei
- Jaffe GJ und Kollegen: LIGHTSITE III – Supplemental Digital Content 1. Ablaufdiagramm zu Teilnehmerzahlen und Studienabbrüchen. Zusatzdatei
- Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft, Retinologische Gesellschaft und Berufsverband der Augenärzte Deutschlands: Photobiomodulation bei AMD. Gemeinsame Stellungnahme, Stand 4. Juli 2025. Stellungnahme als PDF
- Gene therapy for neovascular age-related macular degeneration by subretinal delivery of RGX-314: a phase 1/2a dose-escalation study. The Lancet, 2024;403:1563–1573. PubMed
- Entwicklungsprogramm zur untersuchten Gentherapie. Herstellerinformation zu den klinischen Studien, kein unabhängiger Wirksamkeitsnachweis. Informationen des Entwicklers
- National Eye Institute: NIH scientists test in an animal model a surgical technique to improve cell therapy for dry AMD. Forschungsmitteilung vom 22. Mai 2025. Forschungsmitteilung


