Verkannte „trockene Augen“: Britin kämpft mit seltenem Augenkrebs im Endstadium
Was jahrelang als harmlose Augenreizung abgetan wurde, war in Wirklichkeit ein aggressiver Tumor: Die 62-jährige Amanda Clark aus Scunthorpe (Nord-Lincolnshire) lebt mit einem okulären Melanom, das inzwischen Stadium 4 erreicht hat. Um an eine private Therapie zu kommen, die ihr Ärzte als letzte realistische Option nennen, muss sie umgerechnet weit über 100.000 Euro selbst aufbringen.
Der lange Weg zur Diagnose
Erste Beschwerden traten bei Amanda Clark bereits 2009 auf: tränende Augen, zunehmend verschwommenes Sehen auf dem linken Auge, vor allem bei hellem Licht oder am Bildschirm. Bei mehreren Hausarztbesuchen lautete die Einschätzung stets: vermutlich ein verstopfter Tränenkanal oder trockene Augen.
Erst eine reguläre Sehtestuntersuchung bei einer Optikerkette brachte den entscheidenden Hinweis. Die Optikerin entdeckte eine Blutung hinter dem Auge, äußerte den Verdacht auf eine Netzhautablösung und vermittelte umgehend einen Termin in der Augenklinik. Dort folgte im August 2013 die eigentliche Diagnose: ein okuläres Melanom – eine seltene Krebsform, die statistisch nur etwa sechs von einer Million Menschen betrifft.
Erste Behandlung und Rückschlag
Innerhalb weniger Wochen wurde Clark mit einer Brachytherapie behandelt: Eine mit radioaktivem Ruthenium bestückte Metallplatte wurde für rund fünf Tage direkt am Auge angebracht. Die Behandlung schützte zwar ihr Leben, kostete sie aber einen Teil ihres Gesichtsfelds auf dem betroffenen Auge.
Bei okulären Melanomen liegt das Risiko einer späteren Ausbreitung (Metastasierung) bei etwa 50 Prozent – am häufigsten in der Leber. Bei den jährlichen Kontrollen zeigte sich 2021 genau das: erste Leberläsionen. Diese blieben zunächst stabil, bis im Mai 2024 ein deutliches Wachstum festgestellt wurde. Es folgten eine Leberteilresektion sowie eine Verödung weiterer Tumorherde.
Stadium 4 und das Scheitern der Immuntherapie
Im November 2025 zeigte eine erneute Untersuchung neue Tumoren in der Leber – die Diagnose lautete nun Krebs im Stadium 4. Eine anschließende, sechsmonatige Immuntherapie musste im Dezember wegen starker Nebenwirkungen und weiterem Tumorwachstum abgebrochen werden. Seitdem gibt es laut Amanda Clark keine etablierte Behandlung mehr, die ihr angeboten werden kann.
Eine Kontrolle im August 2026 ergab, dass ein Lebertumor innerhalb weniger Monate um 2,5 Zentimeter gewachsen war.
Chemosaturation: zugelassen, aber nicht finanziert
Nach Angaben ihres Onkologen bleiben Clark im Wesentlichen zwei Optionen: die Teilnahme an einer Medikamentenstudie – aktuell entweder ungeeignet, ausgebucht oder geschlossen – oder eine private Chemosaturation. Bei diesem Verfahren wird hochdosierte Chemotherapie gezielt in die Leber eingebracht, um dort verbliebene Metastasen zu bekämpfen.
Das britische Gesundheitssystem NHS finanziert diese Behandlung bislang nicht, obwohl das zuständige Kosten-Nutzen-Gremium NICE das Verfahren bereits 2021 grundsätzlich befürwortet hat. Grund ist ein fehlendes laufendes Budget bei NHS England; eine finale Entscheidung über eine reguläre Kostenübernahme steht weiterhin aus. Angeboten wird die Chemosaturation in Großbritannien unter anderem an spezialisierten Zentren wie dem University Hospital Southampton und The Christie in Manchester.
Für Betroffene wie Clark bedeutet das: Jede Behandlung kostet privat umgerechnet rund 47.000 Euro, mindestens drei Behandlungen sind nötig. Insgesamt sammelt sie daher etwa 140.000 Euro über eine Spendenkampagne.
Könnte das auch in Deutschland passieren?
Diagnoseverzögerung. Auch hierzulande verursacht ein Aderhautmelanom (Uveamelanom) im Frühstadium oft nur unspezifische Beschwerden: verschwommenes Sehen, Lichtblitze, schwebende Punkte oder Gesichtsfeldausfälle – Symptome, die ebenso gut auf harmlosere Augenprobleme hindeuten können. Da es kein flächendeckendes Vorsorgeprogramm gibt, wird der Tumor häufig eher zufällig bei einer augenärztlichen Routineuntersuchung entdeckt, wie die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft betont. Ein Verlauf wie bei Amanda Clark – über Jahre unspezifische Symptome beim Hausarzt statt gezielt beim Augenarzt – ist also grundsätzlich auch in Deutschland denkbar, vor allem wenn Betroffene nicht regelmäßig zur Augenhintergrunduntersuchung gehen. In Deutschland erkranken jährlich schätzungsweise 350 bis 1.000 Menschen an einem Aderhautmelanom, betroffen sind meist Menschen zwischen 50 und 60 Jahren.
Kostenübernahme der Chemosaturation. Hier zeigt sich eine strukturell sehr ähnliche Lücke wie im britischen NHS-System. Auch in Deutschland ist die Chemosaturation nicht Teil der regulären Fallpauschalen (DRG-System) und wird von den gesetzlichen Krankenkassen nicht automatisch übernommen, weil bislang keine verbindliche Leitlinienempfehlung vorliegt. Eine Behandlungssitzung kostet inklusive Material, Personal und intensivmedizinischer Überwachung schätzungsweise rund 30.000 Euro. Patient:innen müssen die Kostenübernahme vor Therapiebeginn einzeln bei ihrer Krankenkasse beantragen – mit medizinischer Begründung und dem Votum eines interdisziplinären Tumorboards. Eine Bewilligung ist damit möglich, aber weder automatisch noch garantiert. Angeboten wird das Verfahren zudem nur an wenigen spezialisierten Zentren, etwa an der Medizinischen Hochschule Hannover.
Ein Fall wie der von Amanda Clark – jahrelange Fehleinschätzung der Symptome plus eine wirksame, aber nicht routinemäßig finanzierte letzte Therapieoption – ließe sich demnach in seinen Grundzügen auch in Deutschland wiederholen. Der entscheidende Unterschied liegt im Detail: Hier ist eine Kostenübernahme über einen Einzelantrag zumindest im Prinzip vorgesehen, während sie in Großbritannien bislang komplett vom regulären Gesundheitssystem ausgeschlossen ist.
„Ich kämpfe jeden Tag weiter“
Clark, die im Bewährungsdienst arbeitet, wartet derzeit auf weitere CT-Ergebnisse, da sich der Krebs prinzipiell in jedem Organ ausbreiten kann. Ihr erklärtes Ziel: für ihren erwachsenen Sohn und ihren Partner gesund zu bleiben, so lange es geht.
Wer spenden möchte, kann sich über die Seite von gofundme.com informieren:
https://www.gofundme.com/f/aebjj-cancer-treatment
*Eingeordnet auf Basis eines SWNS-Berichts sowie einer unabhängigen englischsprachigen Quelle (Grimsby Live) zum selben Fall. Die Eurobeträge sind gerundete Umrechnungen der in britischen Pfund genannten Originalsummen (40.000 £ je Behandlung / 120.000 £ Gesamtziel) und können je nach Wechselkurs leicht abweichen. Die Einordnung zur Situation in Deutschland stützt sich auf Angaben der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG), des Infoportals Hautkrebs sowie einer Fachpublikation zur Chemosaturation (DocCheck Flexikon / Fortschr Röntgenstr).




