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Gentherapie gegen geografische Atrophie: Phase-3-Studie startet

Mehr als 300.000 Menschen in Deutschland haben eine geografische Atrophie — eine Spätform der trockenen Makuladegeneration, bei der Netzhautgewebe unwiederbringlich abstirbt. Für viele von ihnen bedeutet die Diagnose, dem Sehverlust beim eigenen Auge beim Fortschreiten zuzuschauen, ohne dass eine Behandlung diesen Prozess aufhalten kann. Ob sich das ändern lässt, soll jetzt eine groß angelegte klinische Studie zeigen: Das US-amerikanische Biotechunternehmen Ocugen hat am 1. September 2026 den ersten Patienten mit seinem Gentherapie-Kandidaten OCU410 behandelt — der Startschuss für die zulassungsrelevante Phase-3-Studie.#

Was die geografische Atrophie so schwer behandelbar macht

Die geografische Atrophie (kurz: GA) ist das fortgeschrittene Stadium der trockenen, also nicht-feuchten, altersbedingten Makuladegeneration (AMD). Betroffen ist die Makula — der Bereich der Netzhaut, der für scharfes, zentrales Sehen zuständig ist. Bei der geografischen Atrophie sterben die lichtempfindlichen Sehzellen (Photorezeptoren) und die darunter liegende Schicht des retinalen Pigmentepithels ab. Diese Zellen regenerieren sich nicht; der Schaden ist bleibend. Wer eine geografische Atrophie hat, verliert mit der Zeit das Sehen in der Mitte des Gesichtsfeldes.

Die Erkrankung ist weit verbreitet: Schätzungen auf Grundlage von Prävalenzdaten und Kassenregistern gehen für Deutschland von 300.000 bis 550.000 Betroffenen aus. Weltweit leiden nach Schätzungen mehrere Millionen Menschen daran. Das Durchschnittsalter bei Diagnose liegt deutlich über 70 Jahren, weshalb die geografische Atrophie auch als eine der großen Erblindungsursachen des höheren Lebensalters gilt.

Trotz dieser Krankheitslast war das therapeutische Angebot lange sehr begrenzt. Erst 2023 wurden in den USA zwei Medikamente zugelassen, die das fehlgeleitete Komplementsystem — einen Teil der körpereigenen Immunabwehr — hemmen: Pegcetacoplan und Avacincaptad pegol. Beide müssen jedoch regelmäßig, meist monatlich, per Spritze in den Glaskörper des Auges injiziert werden und bremsen das Fortschreiten der Atrophie nur moderat. In Europa steht bislang keine dieser Substanzen zur Verfügung. Die medizinische Notwendigkeit für wirksame, idealerweise lang anhaltende Behandlungen bleibt hoch.

Wie OCU410 funktionieren soll

OCU410 verfolgt einen grundlegend anderen Ansatz als die bisher zugelassenen Therapien. Es handelt sich nicht um ein Medikament, das wiederholt verabreicht werden muss, sondern um eine einmalige Gentherapie: Eine einzige subretinale Injektion — das heißt, unter die Netzhaut — liefert das humane Gen RORA (RAR-related Orphan Receptor A) in die betroffenen Netzhautzellen.

Das Protein, das dieses Gen produziert, wirkt nach Angaben von Ocugen als molekularer Regler, der mehrere krankheitsrelevante Prozesse gleichzeitig ansteuert: die Überaktivierung des Komplementsystems, chronische Entzündungen in der Netzhaut, oxidativen Stress und Störungen im Fettstoffwechsel des retinalen Pigmentepithels. Diese vier Prozesse gelten als zentrale Treiber des Zellsterbens bei der geografischen Atrophie. Der Ansatz, mehrere Krankheitsmechanismen gleichzeitig zu adressieren, unterscheidet OCU410 konzeptionell von den bestehenden Komplementinhibitoren, die jeweils nur an einem Punkt der Kaskade ansetzen.

Ocugen bezeichnet OCU410 als „Modifier Gene Therapy“ — eine krankheitsmodifizierende Gentherapie. Die Formulierung ist wichtig: Sie beschreibt keine Heilung im Sinne einer Wiederherstellung des verlorenen Gewebes, sondern das Ziel, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen oder zu stoppen. Ob das gelingt, muss die nun gestartete Phase-3-Studie belegen.

Was Phase 2 bereits gezeigt hat

Die Grundlage für den Phase-3-Start bilden die Ergebnisse der Phase-2-Studie ArMaDa, deren 12-Monats-Daten Ocugen im Jahr 2025 vorgestellt hatte. An der Studie nahmen 51 Patienten ab 50 Jahren mit geografischer Atrophie teil, aufgeteilt auf drei Gruppen: mittlere Dosis, hohe Dosis und Kontrolle.

Das zentrale Ergebnis: In der Gruppe mit mittlerer Dosis wuchs die Atrophiezone im Zwölf-Monats-Zeitraum um 31 Prozent langsamer als in der Kontrollgruppe — ein statistisch signifikanter Unterschied (p < 0,05). Noch deutlicher war die Wirkung bei Patienten mit einer Ausgangsläsionsgröße zwischen 5 und 17,5 Quadratmillimetern: Bei dieser Teilgruppe lag die Wachstumsverlangsamung bei 33 Prozent. Als weitere strukturelle Maßzahl zeigte sich, dass der Verlust der Ellipsoid-Zone — eines für das Überleben der Photorezeptoren wichtigen Netzhautbereichs — in der Behandlungsgruppe um 27 Prozent langsamer voranschritt.

Das Sicherheitsprofil der Phase-2-Studie war über zwölf Monate günstig: Keine schwerwiegenden Nebenwirkungen, die auf OCU410 zurückgeführt wurden, wurden berichtet; insbesondere traten keine Fälle von Endophthalmitis (Augeninfektion), Netzhautablösung oder Vaskulitis auf.

Phase-2-Studien sind jedoch zuvörderst auf Machbarkeit und erste Signale zur Wirksamkeit ausgelegt; ihre Teilnehmerzahlen sind zu klein für belastbare Aussagen über Sicherheit und klinischen Nutzen im breiten Einsatz. Diese Antworten muss Phase 3 liefern.

Die Phase-3-Studie: Design und Ziele

Die neue Studie trägt den Namen ArMaDa3 und ist unter der Nummer NCT07770828 in der internationalen Studiendatenbank ClinicalTrials.gov registriert. Sie ist global angelegt: Behandlungszentren befinden sich in den USA, Kanada, Europa und Lateinamerika.

An der Studie nehmen 237 Patienten mit geografischer Atrophie teil. Sie werden im Verhältnis 2:1 auf die Behandlungsgruppe (OCU410) und eine unbehandelte Kontrollgruppe aufgeteilt. Der primäre Endpunkt ist die Wachstumsrate der Atrophiezone, gemessen per Fundus-Autofluoreszenz — einem bildgebenden Verfahren, das abgestorbenes Netzhautgewebe sichtbar macht — zu den Zeitpunkten vier, acht und zwölf Monate nach Behandlung. Als sekundäre Endpunkte werden unter anderem Sehverlust und der Verlust der Ellipsoid-Zone erfasst.

Auf Basis dieser Studienergebnisse plant Ocugen, 2028 einen Zulassungsantrag (Biologics License Application, BLA) bei der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA einzureichen.

RMAT-Designation: Was sie bedeutet — und was nicht

Einen regulatorischen Rückenwind hatte Ocugen bereits am 29. Juli 2026 erhalten: Die FDA erteilte OCU410 die sogenannte RMAT-Designation (Regenerative Medicine Advanced Therapy). Dieser Status ermöglicht einen engeren Austausch zwischen Unternehmen und Behörde während der Entwicklung, kann eine beschleunigte Zulassungsprüfung unterstützen und eröffnet die Möglichkeit, Zulassungsentscheidungen auf Grundlage vorläufiger klinischer Evidenz zu treffen.

Was die RMAT-Designation nicht ist: ein Vorabzeugnis für Wirksamkeit oder Sicherheit. Sie wird auf Grundlage vorläufiger klinischer Daten und des ungedeckten medizinischen Bedarfs vergeben — nicht als Ergebnis abgeschlossener Prüfprogramme. Ob OCU410 tatsächlich zugelassen wird, hängt ausschließlich davon ab, was die Phase-3-Studie zeigt.

Einordnung: Ein wichtiger Schritt, aber eine lange Prüfung liegt noch vor Ocugen

Für Patientinnen und Patienten mit geografischer Atrophie ist jede neue Entwicklung in diesem Bereich bedeutsam — zu groß ist die Last der Erkrankung, zu begrenzt sind die bisherigen Optionen. Der Start der ArMaDa3-Studie markiert einen echten Meilenstein: Zum ersten Mal wird ein Gen-basierter Ansatz in einer für die Zulassung angelegten Studie an einer großen internationalen Kohorte geprüft.

Gleichzeitig gilt: Zwischen dem ersten behandelten Patienten und einer möglichen Zulassung liegen viele Schritte. Die Studie muss vollständig rekrutiert, die Patienten über zwölf Monate beobachtet, die Daten ausgewertet und ein Zulassungsantrag gestellt werden. Wer eine Gentherapie aus dem Gentherapie-Ansatz hofft, sollte diese Zeitspanne in die Erwartungen einrechnen: Frühestens 2028 könnte Ocugen die Zulassung beantragen — und zwischen Antrag und Entscheidung können weitere Monate vergehen.


Quellen

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Ocugen, Inc. „Ocugen Announces First Patient Dosed in Phase 3 Registrational Trial of OCU410 Modifier Gene Therapy for Geographic Atrophy Secondary to Dry Age-Related Macular Degeneration.“ GlobeNewswire. 1. September 2026. https://www.globenewswire.com/news-release/2026/09/01/3353979/0/en/ocugen-announces-first-patient-dosed-in-phase-3-registrational-trial-of-ocu410-modifier-gene-therapy-for-geographic-atrophy-secondary-to-dry-age-related-macular-degeneration.html (abgerufen am 02.09.2026).

Ocugen, Inc. „Ocugen Announces Topline 12-month Data from Phase 2 ArMaDa Clinical Trial Evaluating OCU410 Modifier Gene Therapy for Geographic Atrophy Secondary to Dry Age-Related Macular Degeneration.“ Ocugen Investor Relations. 2025. https://ir.ocugen.com/news-releases/news-release-details/ocugen-announces-topline-12-month-data-phase-2-armada-clinical (abgerufen am 02.09.2026).

Vajzovic L et al. „Phase 2 topline data: Ocugen OCU410 reduces geographic atrophy lesion growth by 31% at 12 months.“ Ophthalmology Times. 2025. https://www.ophthalmologytimes.com/view/phase-2-topline-data-ocugen-ocu410-reduces-geographic-atrophy-lesion-growth-by-31-at-12-months (abgerufen am 02.09.2026).

Klettner A, Roider J. „Prevalence of geographic atrophy in Germany – an assessment derived from literature-based estimates and claims data results.“ GMS Abstract: 35. Internationaler Kongress der Deutschen Ophthalmochirurgie (DOC). 2023. https://www.egms.de/static/en/meetings/doc2023/23doc027.shtml (abgerufen am 02.09.2026).</small>

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