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Zeiss MyoCare: Dreijahres-Daten belegen Wirksamkeit bei Kindern

Rund ein Fünftel der Jugendlichen in Europa ist kurzsichtig — und mit jedem weiteren Lebensjahr steigt die Wahrscheinlichkeit, kurzsichtig zu werden, um mehr als einen Prozentpunkt. Brillengläser, die das Fortschreiten dieser Kurzsichtigkeit bremsen können, wecken deshalb großes Interesse bei Fachleuten und Eltern. Auf der ARVO 2026, der weltweit größten Fachkonferenz für Sehforschung in Denver (USA), hat Zeiss Vision Care neue klinische Daten zu seinen MyoCare-Gläsern präsentiert — und dabei auch eine oft gestellte Frage beantwortet: Wirkt die Technologie ähnlich gut bei europäischen Kindern wie bei asiatischen?

Was die Dreijahres-Daten zeigen

Die Studie mit asiatischen Kindern läuft bereits am längsten und liefert damit die solideste Datenbasis. Nach drei Jahren zeigen die Ergebnisse: Kinder, die die Zeiss-MyoCare-Gläser trugen, entwickelten im Durchschnitt 0,62 Dioptrien weniger Kurzsichtigkeit als Kinder mit herkömmlichen Einstärkengläsern. Gemessen an der Achslänge des Auges — dem direkten Maß für das Augenwachstum — waren es 0,28 Millimeter weniger Längenzunahme. Für die Variante MyoCare S, die für Kinder ab zehn Jahren konzipiert ist, lagen die Werte etwas niedriger: 0,45 Dioptrien und 0,18 Millimeter.

Zur Methodik ist ein wichtiger Hinweis nötig: Die Dreijahres-Daten sind teilweise modelliert. Nach zwei Jahren Beobachtungszeit wurde die Kontrollgruppe — also die Kinder mit Einstärkengläsern — aus ethischen Gründen in Interventionsgruppen überführt; sie erhielten ebenfalls Myopie-Management-Gläser. Das war notwendig, weil es nach dem Stand der Forschung nicht mehr vertretbar wäre, einer Kontrollgruppe dauerhaft wirksamere Alternativen vorzuenthalten. Die Dreijahres-Werte für die Kontrollgruppe wurden daher statistisch fortgeschrieben. Diese Praxis ist in der klinischen Forschung gängig und methodisch anerkannt, sollte aber bei der Einordnung der Ergebnisse berücksichtigt werden.

Die Studie in Asien wurde von 2021 an in Wenzhou (China) sowie weiteren Standorten durchgeführt. 240 kurzsichtige Kinder zwischen sechs und dreizehn Jahren nahmen teil und wurden auf drei Gruppen aufgeteilt: MyoCare, MyoCare S und Einstärkengläser.

Europäische Kinder: Die Lücke ist kleiner als erwartet

Für europäische Kinder stehen bislang nur Zweijahres-Daten zur Verfügung. Die europäische Studie begann 2023 und umfasst 234 Kinder aus Spanien und Portugal, die in Kliniken der Universität Lissabon und der Universidad Complutense Madrid betreut wurden. Teilnehmen konnten Kinder mit einer Kurzsichtigkeit zwischen −0,75 und −5,00 Dioptrien, deren Myopie in den zwölf Monaten vor Studienbeginn um mindestens 0,50 Dioptrien pro Jahr fortgeschritten war.

Das Ergebnis nach zwei Jahren: MyoCare verlangsamte die Myopie-Progression bei europäischen Kindern im Durchschnitt um 0,38 Dioptrien und reduzierte das Augenlängenwachstum um 0,22 Millimeter — gegenüber Einstärkengläsern.

Bemerkenswert ist dabei, wie gering die Unterschiede zwischen den beiden Populationen ausfallen. Zwischen der Dreijahres-Entwicklung asiatischer Kinder (hochgerechnet) und der Zweijahres-Entwicklung europäischer Kinder liegen die Werte nah beieinander, innerhalb statistischer Schwankungsbreiten. Zeiss wertet das als Hinweis darauf, dass die zugrunde liegende Technologie populationsübergreifend vergleichbar wirksam ist.

Das ist keine Selbstverständlichkeit: Frühere Myopie-Management-Studien hatten häufig nur asiatische Kohorten eingeschlossen, was die Übertragbarkeit auf europäische Kinder infrage stellte. Die Fachgemeinschaft beobachtet deshalb Studien wie diese mit besonderem Interesse.

Weniger Risiko für schnelles Fortschreiten

Besonders aufschlussreich ist eine Analyse der Progressionsraten innerhalb der Studienkohorte: Unter den Kindern mit Einstärkengläsern befanden sich deutlich mehr in der Gruppe derjenigen, deren Kurzsichtigkeit schnell voranschritt. In der europäischen Studie erlitten nur 17 Prozent der MyoCare-Träger eine als „schnell“ definierte Progression — gegenüber 51 Prozent in der Kontrollgruppe. Das entspricht einer Risikoreduktion von 76 Prozent.

Als „schnelle Progression“ galt in der Studie eine Zunahme der Kurzsichtigkeit um mindestens 0,50 Dioptrien und/oder ein Achslängenwachstum von mindestens 0,20 Millimetern innerhalb von 24 Monaten.

Warum ist das klinisch relevant? Je stärker die Kurzsichtigkeit eines Kindes wird, desto höher ist im späteren Leben das Risiko für ernsthafte Augenerkrankungen wie die  Ablösung der Netzhaut den Grünen Star oder die myope Makulopathie. Nicht die Kurzsichtigkeit an sich, sondern ihre Schwere ist der entscheidende Risikofaktor. Eine Intervention, die schnelles Fortschreiten bremst, kann langfristig nicht nur die Sehschärfe, sondern auch die Augengesundheit schützen.

Wie die C.A.R.E.-Technologie funktioniert

Zeiss MyoCare basiert auf der sogenannten C.A.R.E.-Technologie (Cylindrical Annular Refractive Elements — zylindrische ringförmige Brechungselemente). Das Prinzip: In das Glas sind konzentrische Ringzonen eingearbeitet, die Licht auf eine andere Weise brechen als die zentrale Korrektionszone. Dieser optische Effekt erzeugt ein gezieltes Defokussierungssignal auf der Netzhaut, das — so die Hypothese — dem Auge signalisiert, langsamer zu wachsen.

MyoCare hat eine mittlere Oberflächenbrechkraft von +4,6 Dioptrien in den Ringzonen bei einer zentralen Klarsichtzone von 7 Millimetern Durchmesser. MyoCare S ist für ältere Kinder konzipiert, mit +3,8 Dioptrien und einer größeren zentralen Zone von 9 Millimetern — was dem Bedürfnis älterer Kinder nach einer breiteren klaren Sehlinie entgegenkommt.

Was neu hinzukommt: MyoActive und das Versorgungskonzept

Parallel zu den Langzeitdaten für MyoCare stellt Zeiss ein erweitertes Portfolio vor. Im Frühjahr soll im DACH-Markt eine neue Generation von Myopie-Management-Gläsern eingeführt werden: Zeiss MyoActive. Die neue Technologie trägt den Namen M.O.V.E. und setzt auf ein anderes Prinzip als die bewährte C.A.R.E.-Technologie: Statt fester Ringstrukturen kommen variabel angeordnete Mikroelemente mit unterschiedlichen optischen Stärken zum Einsatz.

Erste Sechs-Monats-Daten aus einer klinischen Studie, die ebenfalls auf der ARVO 2026 präsentiert wurden, sind vielversprechend: Kinder mit MyoActive zeigten in diesem Zeitraum im Mittel nur 0,13 Dioptrien Progression und 0,02 Millimeter Achslängenzunahme — verglichen mit 0,38 Dioptrien und 0,15 Millimetern in der Vergleichsgruppe mit Einstärkengläsern. Prof. Padmaja Sankaridurg, die die Daten präsentierte, bezeichnete MyoActive als „möglicherweise die bedeutendste Ergänzung des Zeiss-Myopie-Portfolios“. Sechs Monate sind allerdings eine kurze Beobachtungsdauer; belastbare Langzeitdaten fehlen noch.

Im Bereich Diagnostik bringt Zeiss den Myo-200-Biometer auf den Markt. Das Gerät misst die Achslänge des Auges und die zentralen Hornhautradien und baut auf der bewährten Technologie des IOL-Master 500 auf, der seit Jahrzehnten in der Kataraktchirurgie eingesetzt wird. Ergänzt wird das Angebot durch die Software MyoConsult, die digitale Datenverwaltung, Verlaufsdokumentation und Entscheidungsunterstützung ermöglichen soll — inklusive eines Elternreports.

Zeiss stellt dieses Paket als integriertes Versorgungskonzept für die Augenoptik vor: Diagnostik, Versorgung mit optimierten Gläsern und systematische Verlaufskontrolle in einem gemeinsamen Workflow.

Einordnung: Belastbare Daten, aber kein Wundermittel

Die auf der ARVO 2026 präsentierten Daten sind für die Myopie-Forschung ein Fortschritt. Die Dreijahres-Ergebnisse für MyoCare bei asiatischen Kindern und die Zweijahres-Ergebnisse für europäische Kinder stammen aus kontrollierten, multizentrischen, prospektiv angelegten Studien — das ist methodisch solide. Die Übereinstimmung der Ergebnisse zwischen beiden Populationen stärkt das Vertrauen in die Technologie.

Gleichzeitig gilt: Myopie-Management-Brillengläser stoppen die Kurzsichtigkeit nicht, sie verlangsamen sie. Wie stark ein einzelnes Kind von der Behandlung profitiert, hängt von vielen Faktoren ab — Alter bei Beginn, Ausgangswert der Refraktion, genetische Disposition, Lebensstil (Bildschirmzeit, Aufenthalt im Freien). Die Studienergebnisse sind Mittelwerte; es gibt Kinder, die deutlich stärker profitieren, und andere, bei denen der Effekt geringer ausfällt.

Für die Beratung in der Augenoptiker-Praxis liefern die neuen Daten ein stärkeres Argument als bisher: Eltern können sich auf eine Evidenzbasis stützen, die inzwischen mehrere Jahre umfasst und mehr als eine Population abdeckt. Welches Instrument — ob Brillenglas, Orthokeratologie-Linse oder Atropintropfen — für ein bestimmtes Kind am besten geeignet ist, bleibt eine individuelle Entscheidung, die von Fachleuten begleitet werden sollte.


Quellen

Sanchez I, Alvarez-Peregrina C et al. „Risk factors and protective effect of Cylindrical Annular Refractive Elements (CARE) spectacle lenses on myopia progression in European children.“ ARVO Annual Meeting Abstracts. 2026. https://www.zeiss.com/myopia/en/articles–insights/zeiss-arvo-posters.html (abgerufen am 02.09.2026).

Alvarez-Peregrina C et al. „Two-year evolution of Cylindrical Annular Refractive Elements (CARE) lens efficacy in a myopia control clinical trial in European children.“ ARVO Annual Meeting Abstracts. 2026. https://www.zeiss.com/myopia/en/articles–insights/zeiss-arvo-posters.html (abgerufen am 02.09.2026).

Sankaridurg P et al. „ZEISS MyoCare ongoing trials across Asia and Europe reconfirm effectiveness.“ ZEISS Myopia Hub. 2025. https://www.zeiss.com/myopia/en/articles–insights/zeiss-myocare-ongoing-trials-across-asia-and-europe-reconfirm-effectiveness.html (abgerufen am 02.09.2026).

ZEISS Vision Care. „ZEISS to present new clinical study results at ARVO 2026.“ Pressemitteilung. 2026. https://www.zeiss.com/vision-care/en/newsroom/news/2026/zeiss-to-present-new-clinical-study-results-at-arvo-2026-.html (abgerufen am 02.09.2026).

ZEISS Vision Care. „ZEISS Shares Latest MyoActive Data at ARVO 2026.“ Review of Myopia Management. 2026. https://reviewofmm.com/zeiss-shares-latest-myoactive-data-at-arvo-2026/ (abgerufen am 02.09.2026).

ZEISS Vision Care. „Neueste Studienergebnisse Myopieportfolio.“ ZEISS Newsroom Deutschland. 2026. https://www.zeiss.de/vision-care/newsroom/news/2026/neueste-studienergebnisse-myopieportfolio.html (abgerufen am 02.09.2026).

Alvarez-Peregrina C et al. „Child Myopia Prevalence in Europe: A Systematic Review and Meta-Analysis.“ Children. 2025;12(6):771. DOI: 10.3390/children12060771. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12191788/ (abgerufen am 02.09.2026).</small>

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