Neurodivergenz betrifft nicht nur das Gehirn. Die Forschung untersucht zunehmend, welche Zusammenhänge zwischen Autismus, ADHS und körperlichen Beschwerden bestehen. Im Mittelpunkt stehen unter anderem Darm, Immunsystem, Schlaf und Bindegewebe. Viele Fragen sind noch ungeklärt. Bild: KI-generierte Illustration / Augenlicht.de
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Neurodivergenz: Warum auch die körperliche Gesundheit wichtig ist

Autismus und ADHS betreffen vor allem die neurologische Entwicklung, Wahrnehmung und Informationsverarbeitung. Doch manche Betroffene leiden zusätzlich unter Verdauungsproblemen, Schlafstörungen oder anderen körperlichen Beschwerden. Die Forschung untersucht zunehmend, wie Gehirn und Körper miteinander zusammenhängen. Dabei zeigt sich: Es gibt ernst zu nehmende Verbindungen, aber noch keine einheitliche Erklärung.

Neurodivergenz ist mehr als eine Frage des Verhaltens

Menschen mit Autismus oder einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) nehmen ihre Umwelt teilweise anders wahr, verarbeiten Informationen auf unterschiedliche Weise oder erleben besondere Schwierigkeiten bei der Steuerung ihrer Aufmerksamkeit. Solche Merkmale können den Alltag beeinflussen, müssen aber nicht in jeder Lebenssituation zu einer Beeinträchtigung führen. Der Begriff Neurodivergenz beschreibt Unterschiede in der neurologischen Entwicklung und Informationsverarbeitung. Er ist selbst keine medizinische Diagnose. Autismus und ADHS gehören dagegen zu den international anerkannten neuronalen Entwicklungsstörungen.

Lange konzentrierte sich die öffentliche Wahrnehmung vor allem auf Verhalten, Kommunikation und Konzentration. Inzwischen rücken auch körperliche Beschwerden stärker in den Mittelpunkt der Forschung. Denn manche Menschen mit Autismus oder ADHS berichten über wiederkehrende Bauchschmerzen, Verstopfung, Schlafprobleme oder anhaltende Erschöpfung. Solche Beschwerden können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und dürfen deshalb nicht allein mit einer neurodivergenten Entwicklung erklärt werden. Vielmehr stellt sich die Frage, ob eigenständige Erkrankungen vorliegen, die erkannt und behandelt werden sollten.

Was die Forschung über Darm und Gehirn weiß

Besonders viel Aufmerksamkeit erhält derzeit die sogenannte Darm-Hirn-Achse. Damit wird das Zusammenspiel zwischen Verdauungssystem und Nervensystem bezeichnet. Beide stehen über Nervenbahnen, Hormone, Immunreaktionen und Stoffwechselprodukte miteinander in Verbindung. Auch die zahlreichen Mikroorganismen im Darm spielen dabei eine Rolle. Dieses sogenannte Darmmikrobiom ist unter anderem an der Verarbeitung von Nahrungsbestandteilen beteiligt und beeinflusst bestimmte Vorgänge des Immunsystems. Dass Darm und Gehirn miteinander kommunizieren, ist wissenschaftlich gut belegt. Weniger klar ist, welche Bedeutung einzelne dieser Prozesse für Autismus und ADHS haben.

Eine 2025 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse untersuchte den Zusammenhang zwischen ADHS und verschiedenen Darmerkrankungen. Die Forschenden werteten elf Studien mit insgesamt rund 3,85 Millionen Menschen aus. Dabei zeigte sich für Darmerkrankungen insgesamt kein statistisch gesicherter Zusammenhang. Für das Reizdarmsyndrom fanden sich dagegen Hinweise auf ein erhöhtes Auftreten bei Menschen mit ADHS [1]. Eine weitere, im September 2026 veröffentlichte Metaanalyse untersuchte 23 Studien mit insgesamt mehr als 1,9 Millionen Teilnehmenden. Auch diese Arbeit fand, dass funktionelle Verdauungsbeschwerden bei Menschen mit ADHS häufiger berichtet wurden als in den Vergleichsgruppen. Dazu gehörten insbesondere Verstopfung und Reizdarmsymptome [2].

Die Ergebnisse sind medizinisch relevant, erlauben aber keine Aussage über eine gemeinsame Ursache. Eine statistische Verbindung zwischen ADHS und Verdauungsproblemen bedeutet nicht, dass eine veränderte Darmflora ADHS auslöst. Ebenso wenig ist damit nachgewiesen, dass eine Behandlung der Darmflora die neurologischen Merkmale beeinflussen kann. Ähnliche Fragen werden bei Autismus untersucht. Auch hier berichten Studien über Magen-Darm-Beschwerden. Die Untersuchungen unterscheiden sich allerdings teilweise erheblich hinsichtlich der untersuchten Personen, der Diagnoseverfahren und der Erfassung körperlicher Symptome. Hinzu kommt, dass viele Faktoren gleichzeitig wirken können. Ernährung, Medikamente, Stress, Schlaf und bestehende Erkrankungen beeinflussen die Verdauung. Umgekehrt können anhaltende Bauchschmerzen das Wohlbefinden, die Konzentration und den Schlaf verschlechtern. Die Forschung muss deshalb nicht nur klären, ob bestimmte Beschwerden gemeinsam auftreten, sondern auch, welche Ursachen dafür verantwortlich sind.

Die Darm-Hirn-Achse ist nicht nur für die Forschung zu Autismus und ADHS von Interesse. Auch bei anderen Erkrankungen des Nervensystems wird untersucht, ob das Darmmikrobiom über Stoffwechselprodukte und Immunreaktionen eine Rolle spielen könnte. Ein Beispiel ist das Glaukom, auch Grüner Star genannt. Bei dieser Augenerkrankung werden Nervenzellen der Netzhaut und ihre zum Gehirn führenden Fasern geschädigt. Neben dem Augeninnendruck untersuchen Forschende mögliche Einflüsse des Immunsystems und der Darmflora. Dabei gibt es experimentelle Hinweise auf biologische Zusammenhänge. Noch ist jedoch nicht bewiesen, dass Veränderungen des Darmmikrobioms ein Glaukom verursachen oder dass eine gezielte Beeinflussung der Darmflora das Fortschreiten der Erkrankung verhindern könnte. Augenlicht.de hat diese Forschungsansätze und ihre Grenzen im Beitrag „Glaukom: Welche Rolle spielen Darmbakterien und das Immunsystem?“ ausführlich dargestellt. Die Verbindung zwischen diesen Forschungsgebieten zeigt, wie intensiv die Wechselwirkungen zwischen Darm, Immunsystem und Nervensystem inzwischen untersucht werden. Sie bedeutet allerdings nicht, dass Autismus, ADHS und Glaukom dieselben Ursachen haben.

Körperliche Beschwerden ernst nehmen

Für die medizinische Versorgung ist eine andere Erkenntnis besonders wichtig: Eine bestehende Diagnose darf den Blick auf weitere Erkrankungen nicht verstellen. Wer unter wiederkehrenden Bauchschmerzen leidet, benötigt gegebenenfalls eine Untersuchung des Verdauungssystems. Anhaltende Schlafprobleme können unterschiedliche Ursachen haben, und dauerhafte Erschöpfung sollte nicht automatisch als unvermeidliche Begleiterscheinung einer neurodivergenten Entwicklung betrachtet werden. Auch Sinnesempfindlichkeiten können die gesundheitliche Versorgung erschweren. Manche autistische Menschen reagieren besonders empfindlich auf Licht, Geräusche oder Berührungen. Arztbesuche, Untersuchungen oder Krankenhausaufenthalte können dadurch erheblich belastender sein. Hinzu kommt, dass körperliche Beschwerden nicht von allen Menschen auf dieselbe Weise wahrgenommen oder beschrieben werden. Bei Schwierigkeiten in der Kommunikation besteht die Gefahr, dass Schmerzen oder andere Symptome nicht ausreichend erkannt werden.

Die britische medizinische Leitlinie zur Versorgung autistischer Erwachsener empfiehlt deshalb ausdrücklich, körperliche Erkrankungen, psychische Begleiterkrankungen und Sinnesempfindlichkeiten bei der medizinischen Beurteilung zu berücksichtigen. Auch Umweltbedingungen und soziale Belastungen sollen einbezogen werden [3]. Die entsprechende ADHS-Leitlinie betont eine individuell angepasste Behandlung sowie die Bedeutung ausgewogener Ernährung und regelmäßiger Bewegung. Pauschale Ernährungseinschränkungen werden dagegen nicht als allgemeine ADHS-Behandlung empfohlen [4]. Diese Empfehlungen machen deutlich, dass eine umfassende medizinische Versorgung nicht bedeutet, möglichst viele biologische Erklärungen zu suchen. Entscheidend ist vielmehr, tatsächlich bestehende Beschwerden sorgfältig zu erfassen und nach anerkannten medizinischen Standards zu behandeln.

Können Veränderungen der Darmflora helfen?

Die Forschung über die Darm-Hirn-Achse hat auch das Interesse an neuen Behandlungsmöglichkeiten geweckt. Dazu gehören Probiotika, bestimmte Ernährungsmaßnahmen und andere Verfahren, mit denen die Zusammensetzung oder Aktivität des Darmmikrobioms verändert werden soll. Die wissenschaftliche Beweislage ist jedoch noch nicht ausreichend, um solche Verfahren als allgemeine Behandlung von Autismus oder ADHS zu empfehlen. Ein wesentliches Problem besteht darin, dass die bisherigen Untersuchungen unterschiedliche Maßnahmen, Teilnehmergruppen und Erfolgskriterien verwenden. Manche Studien erfassen Verdauungsbeschwerden, andere Veränderungen des Verhaltens oder psychologische Fragebogenwerte. Ergebnisse aus diesen unterschiedlichen Bereichen lassen sich nicht ohne Weiteres miteinander vergleichen. Auch Verbesserungen während einer Behandlung sind nicht automatisch ein Nachweis ihrer Wirksamkeit. Dafür muss gezeigt werden, dass die Veränderungen über das hinausgehen, was ohne die untersuchte Behandlung oder unter einer geeigneten Vergleichsbehandlung zu erwarten wäre.

Die Behandlung einer tatsächlich vorhandenen Darmerkrankung ist davon zu unterscheiden. Wenn beispielsweise eine chronische Verstopfung erfolgreich behandelt wird, können Schmerzen nachlassen und Schlaf sowie Wohlbefinden profitieren. Das ist ein medizinisch sinnvoller Erfolg, auch wenn sich die neurodivergenten Eigenschaften dadurch nicht verändern. Aus der bisherigen Forschung lässt sich dagegen nicht ableiten, dass Autismus oder ADHS durch eine Veränderung der Darmflora beseitigt werden könnten.

Der Mensch ist mehr als seine Diagnose

Die zunehmende Beschäftigung mit körperlichen Begleiterscheinungen erweitert den Blick auf Neurodivergenz. Sie erinnert daran, dass neurologische Entwicklung, körperliche Gesundheit und Lebensbedingungen nicht unabhängig voneinander betrachtet werden können. Gleichzeitig ist Zurückhaltung notwendig. Nicht jede körperliche Beschwerde eines Menschen mit Autismus oder ADHS hängt mit seiner neurodivergenten Entwicklung zusammen. Und nicht jeder nachgewiesene statistische Zusammenhang lässt auf eine gemeinsame biologische Ursache schließen.

Eine umfassende medizinische Betreuung sollte deshalb weder ausschließlich auf das Gehirn noch auf vermeintliche Störungen einzelner Körpersysteme ausgerichtet sein. Sie muss berücksichtigen, welche Beschwerden tatsächlich bestehen, welche Ursachen sich nachweisen lassen und welche Behandlungen einen gesicherten Nutzen haben. Ebenso wichtig sind die Lebensbedingungen. Reizüberflutung, fehlende Unterstützung oder unpassende Anforderungen können den Alltag erheblich erschweren. Nicht jedes Problem lässt sich durch eine medizinische Behandlung lösen.

Neurodivergenz verlangt deshalb vor allem einen differenzierten Blick: Körperliche Erkrankungen müssen erkannt und behandelt werden. Neurologische Unterschiede müssen verstanden und angemessen berücksichtigt werden. Und nicht alles, was einen Menschen von anderen unterscheidet, ist behandlungsbedürftig.


Quellenverzeichnis

[1] Ng RWY et al. (2025). Association between attention-deficit/hyperactivity disorders and intestinal disorders: A systematic review and Meta-analysis. Scientific Reports, 15, 19278.
https://doi.org/10.1038/s41598-025-04303-x

[2] Blake S et al. (2026). The Association Between Attention-Deficit Hyperactivity Disorder and Gastrointestinal Symptoms: A Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of Attention Disorders. Online veröffentlicht am 10. September 2026.
https://doi.org/10.1177/10870547261469626

[3] National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Autism spectrum disorder in adults: diagnosis and management. Clinical guideline CG142.
https://www.nice.org.uk/guidance/cg142/chapter/Recommendations

[4] National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management. Guideline NG87.
https://www.nice.org.uk/guidance/ng87/chapter/recommendations

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