Immer häufiger beschreiben Menschen ihre Gefühle, Eigenschaften und Verhaltensweisen mit medizinischen oder psychologischen Diagnosen. Doch wann helfen solche Zuschreibungen, sich selbst besser zu verstehen – und wann beginnen sie, das eigene Selbstbild einzuengen? Bildhinweis: KI-generierte Illustration. Das Bild dient der symbolischen Darstellung des Themas. Die abgebildete Person ist fiktiv.
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Wenn der Mensch zu seiner Diagnose wird – wie die Medikalisierung unser Leben verändert

Immer häufiger erklären Menschen ihre Gefühle und Eigenheiten mit medizinischen oder psychologischen Diagnosen. Das kann helfen, aber auch unser Selbstbild verändern. Dieser Artikel fragt, wann Diagnosen und Vorsorge sinnvoll sind – und wann wir beginnen, gewöhnliche menschliche Erfahrungen als Krankheit zu betrachten.

Wer ist heute noch einfach niedergeschlagen, ohne an eine Depression zu denken? Wer darf unruhig oder unkonzentriert sein, ohne ADHS zu vermuten? Und wer sich anders fühlt als seine Mitmenschen, findet möglicherweise eine Erklärung im Autismus-Spektrum. Medizinische und psychologische Begriffe sind längst Teil unserer Alltagssprache geworden. Zugleich werden gesunde Menschen immer häufiger auf mögliche Erkrankungen untersucht, Risiken berechnet und körperliche Abweichungen registriert. Das alles kann helfen, Leiden zu erkennen und Krankheiten zu verhindern. Doch es verändert auch, wie wir uns selbst wahrnehmen. Die Frage ist nicht, ob wir weniger Medizin brauchen. Sie lautet, wann medizinisches Wissen unser Leben verbessert – und wann es beginnt, unser Selbstverständnis zu beherrschen.

Wenn aus Eigenschaften Diagnosen werden

Ein Mensch ist traurig, weil er einen Verlust erlitten hat. Ein anderer schläft schlecht, kann sich kaum konzentrieren und fühlt sich seit Wochen erschöpft. Ein Kind ist lebhaft, widerspricht häufig und hat Schwierigkeiten, längere Zeit stillzusitzen. Ein Erwachsener zieht sich lieber zurück, empfindet gesellschaftliche Zusammenkünfte als anstrengend und beschäftigt sich mit großer Ausdauer mit ungewöhnlichen Interessen. Solche Erfahrungen gehören zur Vielfalt menschlichen Lebens. Sie können Ausdruck einer vorübergehenden Belastung, einer persönlichen Eigenheit oder einer schwierigen Lebenssituation sein. Unter bestimmten Voraussetzungen können sie aber auch auf eine psychische Erkrankung oder eine neuroentwicklungsbezogene Besonderheit hinweisen. Entscheidend sind unter anderem Dauer, Ausprägung, Entwicklungsgeschichte, Begleitsymptome und mögliche Beeinträchtigungen im Alltag.

Gerade diese Unterscheidung scheint in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend schwieriger zu werden. Psychologische und psychiatrische Begriffe sind heute nahezu überall präsent. In sozialen Medien berichten Menschen über ihre Depression, ihr ADHS oder ihre Zugehörigkeit zum Autismus-Spektrum. Sie beschreiben persönliche Erfahrungen, geben Hinweise auf mögliche Symptome und erklären anderen, woran sie bestimmte Besonderheiten erkennen könnten. Das kann hilfreich sein, weil psychische Erkrankungen und neuroentwicklungsbezogene Unterschiede lange mit Vorurteilen belegt waren oder übersehen wurden. Menschen, die bislang keine Erklärung für ihre Schwierigkeiten fanden, können dadurch ermutigt werden, professionelle Hilfe zu suchen.

Doch die zunehmende Verbreitung diagnostischer Begriffe hat eine zweite Seite. Wenn gewöhnliche Erfahrungen immer häufiger mit klinischen Kategorien beschrieben werden, verschiebt sich möglicherweise auch die Grenze zwischen dem, was als menschliche Unterschiedlichkeit gilt, und dem, was als medizinisch erklärungsbedürftig erscheint. Wer schlecht schläft, fragt nicht mehr nur nach Belastungen im Alltag, sondern möglicherweise nach einer psychischen Störung. Wer sich schlecht konzentrieren kann, sucht nach einer diagnostischen Erklärung. Aus der Beschreibung einer Schwierigkeit kann die Vorstellung entstehen, dass sie Ausdruck einer grundlegenden Eigenschaft oder Erkrankung der eigenen Person sei.

Das bedeutet keineswegs, dass Depressionen, ADHS oder Autismus bloße Erfindungen einer übermäßig diagnostizierenden Gesellschaft wären. Depressionen können schweres Leiden verursachen und lebensbedrohliche Verläufe nehmen. ADHS ist eine wissenschaftlich untersuchte neuroentwicklungsbezogene Störung, die mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden sein kann. Autismus beschreibt ein Spektrum neuroentwicklungsbezogener Besonderheiten, deren Auswirkungen auf das Leben sehr unterschiedlich sind. Gerade deshalb sollten diese Begriffe nicht beliebig verwendet werden. Wer jede Traurigkeit als Depression, jede Unruhe als ADHS und jede soziale Eigenheit als Hinweis auf Autismus betrachtet, verwischt Unterschiede, die für Betroffene und ihre angemessene Unterstützung wesentlich sind.

Die Gesellschaft entdeckt immer neue medizinische Erklärungen

Der amerikanische Medizinsoziologe Peter Conrad hat die zunehmende medizinische Deutung menschlicher Lebensbereiche unter dem Begriff der Medikalisierung untersucht. Gemeint ist damit der Prozess, durch den Zustände und Verhaltensweisen, die zuvor nicht oder weniger stark medizinisch betrachtet wurden, zunehmend als medizinische Probleme definiert und behandelt werden. In seiner 2005 veröffentlichten Untersuchung beschrieb Conrad, dass diese Entwicklung nicht allein von Ärztinnen und Ärzten ausgeht. Technologische Möglichkeiten, wirtschaftliche Interessen, gesellschaftliche Erwartungen und die Nachfrage der Menschen selbst tragen dazu bei [1].

Gerade der Wunsch nach einer Diagnose ist dabei verständlich. Wer unter Schwierigkeiten leidet, für die er keine Erklärung findet, sucht nach Orientierung. Eine Diagnose kann persönliche Schuldgefühle vermindern, Behandlung ermöglichen und den Zugang zu Unterstützung erleichtern. Sie kann erklären, warum bestimmte Anforderungen des Alltags schwerer zu bewältigen sind als für andere Menschen. Die Medikalisierung ist deshalb nicht einfach ein Vorgang, bei dem die Medizin einer passiven Gesellschaft immer neue Krankheitsbilder aufzwingt. Menschen beteiligen sich selbst daran, indem sie medizinische Erklärungen suchen, verwenden und weitergeben.

Das gesellschaftliche Problem entsteht dort, wo die medizinische Erklärung andere Formen des Verstehens zunehmend verdrängt. Traurigkeit kann mit einer psychischen Erkrankung zusammenhängen, aber auch eine angemessene Reaktion auf einen Verlust sein. Erschöpfung kann medizinische Ursachen haben, aber ebenso aus Überlastung, ungünstigen Arbeitsbedingungen oder dauerhaften sozialen Konflikten entstehen. Nicht jede Schwierigkeit verlangt nach einer Diagnose. Manchmal liegt das Problem weniger im Menschen als in den Verhältnissen, unter denen er lebt.

Der Psychologe Nick Haslam hat eine solche Ausweitung psychologischer Begriffe als Concept Creep beschrieben. In einer grundlegenden Veröffentlichung von 2016 untersuchte er, wie Begriffe für psychische Belastungen, Schädigungen und Störungen im Laufe der Zeit auf zusätzliche Erfahrungen und teilweise weniger schwerwiegende Erscheinungsformen angewendet werden [2]. Das kann dazu beitragen, bislang übersehenes Leiden anzuerkennen. Es kann aber auch dazu führen, dass gewöhnliche menschliche Erfahrungen zunehmend als krankhaft erscheinen. Die Erweiterung eines Begriffs ist deshalb nicht automatisch ein wissenschaftlicher Fortschritt. Entscheidend ist, ob sie hilft, relevante Unterschiede besser zu erkennen, oder ob sie diese Unterschiede verwischt.

Wenn Menschen ihre Diagnosen übernehmen

Die vielleicht folgenreichste Veränderung vollzieht sich nicht in Arztpraxen oder wissenschaftlichen Klassifikationssystemen, sondern im Selbstverständnis der Menschen. Medizinische und psychologische Kategorien werden nicht nur von Fachleuten verwendet. Menschen übernehmen sie, um sich selbst zu beschreiben. Eine Diagnose kann damit vom Ergebnis einer Untersuchung zu einem wesentlichen Bestandteil der persönlichen Identität werden.

Der Wissenschaftsphilosoph Ian Hacking hat diesen Zusammenhang bereits 1996 untersucht. Er beschrieb sogenannte Rückkopplungseffekte wissenschaftlicher Klassifikationen: Menschen können erfahren, wie sie von Wissenschaft und Gesellschaft eingeordnet werden, und darauf reagieren. Sie können solche Kategorien übernehmen, zurückweisen oder ihr Verhalten und ihre Selbstwahrnehmung daran ausrichten. Diese Reaktionen können wiederum beeinflussen, wie die entsprechenden Kategorien verstanden und verwendet werden [3].

Hacking behauptete damit nicht, dass Krankheiten erst durch ihre Benennung entstehen. Sein Gedanke ist differenzierter. Wissenschaftliche Begriffe beschreiben Menschen nicht immer nur von außen. Sie können in deren Leben zurückwirken. Wer erfährt, dass bestimmte Eigenschaften zu einer diagnostischen Kategorie gehören, betrachtet möglicherweise frühere Erfahrungen unter einem neuen Gesichtspunkt. Schwierigkeiten erhalten eine Erklärung, persönliche Erinnerungen werden neu eingeordnet, und Erwartungen an die eigene Zukunft können sich verändern.

Das kann eine erhebliche Entlastung sein. Wer nach vielen Jahren eine zutreffende Diagnose erhält, versteht vielleicht erstmals, weshalb bestimmte Situationen so schwierig waren. Die Diagnose kann helfen, passende Unterstützung zu finden und sich von unangemessenen Schuldgefühlen zu lösen. Doch unter anderen Umständen kann eine diagnostische Identität auch einengend wirken. Wenn Menschen ihre Schwierigkeiten ausschließlich als Ausdruck einer Störung verstehen, geraten möglicherweise andere Erklärungen und Veränderungsmöglichkeiten aus dem Blick. Die Diagnose wird dann nicht mehr als eine Information über bestimmte Aspekte des Lebens betrachtet, sondern als umfassende Erklärung der eigenen Person.

Die Forschung zu solchen Wirkungen zeigt kein einheitlich negatives Bild. Eine systematische Übersichtsarbeit von Sims und Mitarbeitenden aus dem Jahr 2021 untersuchte die Folgen diagnostischer Zuschreibungen und beschrieb sowohl mögliche Vorteile als auch Belastungen. Diagnosen können Orientierung schaffen, den Zugang zu Hilfe verbessern und das Verhalten des sozialen Umfelds verändern. Sie können aber auch Stigmatisierung, Unsicherheit und ungünstige Erwartungen begünstigen [4]. Entscheidend ist deshalb nicht allein, ob eine Diagnose gestellt wird, sondern auch, wie sie begründet, vermittelt und von den Betroffenen verstanden wird.

Wenn medizinische Kategorien den Alltag bestimmen

Die Ausweitung medizinischer Erklärungen beschränkt sich keineswegs auf Psychologie und Psychiatrie. Auch in der körperlichen Medizin hat sich das Verhältnis zwischen Gesundheit und Krankheit grundlegend verändert. Menschen werden heute häufig untersucht, obwohl sie keinerlei Beschwerden haben. Blutwerte, bildgebende Verfahren und statistische Risikomodelle können Hinweise auf mögliche Erkrankungen liefern, lange bevor sich diese bemerkbar machen. Dadurch lassen sich manche schweren Krankheitsverläufe verhindern. Zugleich wächst die Zahl der Menschen, die sich gesund fühlen, aber medizinisch als gefährdet gelten oder regelmäßig kontrolliert werden.

Die Weltgesundheitsorganisation hat in ihrem europäischen Leitfaden zu Screeningprogrammen von 2020 darauf hingewiesen, dass Früherkennung nicht nur Vorteile, sondern auch Schäden verursachen kann. Dazu gehören falsch positive Befunde, zusätzliche Untersuchungen, Überdiagnosen und unnötige Behandlungen. Deshalb muss für jedes Screeningprogramm gesondert geprüft werden, ob sein Nutzen die möglichen Nachteile überwiegt [5].

Dass mehr Untersuchungen nicht automatisch zu einem längeren Leben führen, zeigte eine 2019 veröffentlichte Cochrane-Übersichtsarbeit über allgemeine Gesundheitschecks bei Erwachsenen. Die Forschenden berücksichtigten 17 randomisierte Studien. Für die Gesamtsterblichkeit standen Daten von mehr als 230.000 Menschen zur Verfügung. Allgemeine Gesundheitschecks führten gegenüber der Vergleichsversorgung zu keiner nachweisbaren Verringerung der Sterblichkeit. Das relative Risiko lag bei 1,00, mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,97 bis 1,03 [6].

Diese Ergebnisse dürfen nicht als Argument gegen jede Früherkennungsuntersuchung verstanden werden. Gezielte Screeningprogramme können bei geeigneten Bevölkerungsgruppen schwere Erkrankungen verhindern oder deren Folgen vermindern. Die Cochrane-Arbeit untersuchte allgemeine Gesundheitschecks und nicht sämtliche etablierten Früherkennungsverfahren. Sie macht jedoch deutlich, dass die Entdeckung zusätzlicher Befunde allein noch keinen gesundheitlichen Nutzen beweist.

Besonders schwierig ist das Problem der Überdiagnose. Dabei wird eine tatsächlich vorhandene Erkrankung oder Veränderung entdeckt, die während der verbleibenden Lebenszeit ohne Untersuchung keine Beschwerden verursacht hätte. Anders als bei einer Fehldiagnose kann der Befund medizinisch zutreffend sein. Seine Entdeckung führt aber möglicherweise zu Untersuchungen und Behandlungen, die dem betroffenen Menschen keinen Vorteil bringen. Ray Moynihan und seine Mitautoren beschrieben bereits 2012, wie ausgeweitete Krankheitsdefinitionen und immer frühere Diagnosestellungen dazu beitragen können, bislang gesunde Menschen zu Patientinnen und Patienten zu machen [7].

Was bedeutet es noch, gesund zu sein?

Damit verändert sich auch die gesellschaftliche Vorstellung von Gesundheit. Ein Mensch kann sich vollkommen wohlfühlen und dennoch erfahren, dass ein Laborwert auffällig ist oder ein statistisch erhöhtes Erkrankungsrisiko besteht. Er muss sich nun mit einer möglichen Krankheit beschäftigen, obwohl sein Alltag bislang nicht beeinträchtigt war. Das kann medizinisch notwendig und sinnvoll sein. Es kann aber auch Unsicherheit erzeugen, wenn die Bedeutung des Befundes unklar bleibt oder sich aus ihm keine wirksame Handlungsmöglichkeit ergibt.

Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2023 untersuchte psychologische Folgen diagnostischer Zuschreibungen bei Menschen, die zuvor keine entsprechenden Beschwerden hatten. In den ausgewerteten Studien zeigte sich unmittelbar nach der Mitteilung einer Diagnose teilweise eine erhöhte Ängstlichkeit. Bei längerfristigen Nachuntersuchungen nahm diese Belastung im Durchschnitt wieder ab. Für Depressionen und die allgemeine psychische Gesundheit fanden sich keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den untersuchten Gruppen [8]. Die Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf alle Diagnosen übertragen. Sie zeigen aber, dass medizinische Informationen selbst psychologische Wirkungen haben können.

In der Augenheilkunde wird dieses Spannungsverhältnis besonders deutlich. Ein Glaukom kann lange unbemerkt fortschreiten und bleibende Schäden am Sehnerv verursachen. Rechtzeitige Diagnose und Behandlung können helfen, das Sehvermögen zu erhalten. Zugleich bedeutet ein erhöhter Augeninnendruck allein nicht, dass bereits ein Glaukom vorliegt. Für die Frage, ob ein allgemeines Screening beschwerdefreier Erwachsener insgesamt mehr Nutzen als Schaden bringt, reicht die wissenschaftliche Evidenz nach der Bewertung der US-amerikanischen Preventive Services Task Force von 2022 nicht aus [9]. Daraus folgt keineswegs, dass Menschen mit Beschwerden, einem konkreten Verdacht oder besonderen Risikofaktoren auf notwendige Untersuchungen verzichten sollten. Es zeigt vielmehr, wie wichtig es ist, zwischen medizinisch begründeter Diagnostik und allgemeinen Früherkennungsangeboten zu unterscheiden.

Die gesellschaftliche Frage reicht allerdings weiter. Wenn immer mehr gesundheitliche Risiken erkannt werden können, wächst möglicherweise auch die Erwartung, diese Risiken fortlaufend zu überwachen. Gesundheit erscheint dann nicht mehr als ein Zustand, den Menschen erleben, sondern als eine Aufgabe, die niemals vollständig abgeschlossen ist. Jede unauffällige Untersuchung schafft nur vorübergehende Sicherheit. Die nächste Kontrolle steht bereits bevor, und die Möglichkeit einer bislang unentdeckten Erkrankung bleibt bestehen.

Die Macht der wissenschaftlichen Normalität

Der französische Philosoph Michel Foucault hat sich intensiv damit beschäftigt, wie wissenschaftliches Wissen und gesellschaftliche Institutionen Vorstellungen von Normalität hervorbringen. In Die Geburt der Klinik untersuchte er die historische Entstehung des modernen medizinischen Blicks auf den menschlichen Körper [10]. In Überwachen und Strafen beschrieb er, wie Menschen durch institutionelle Verfahren beobachtet, verglichen, klassifiziert und anhand von Normen beurteilt werden [11]. Seine späteren Arbeiten zur Biopolitik beschäftigten sich damit, wie das Leben und die Gesundheit von Bevölkerungen zu Gegenständen gesellschaftlicher Steuerung werden [12].

Foucaults Untersuchungen sind keine unmittelbare Beschreibung der heutigen Vorsorgemedizin oder der Verbreitung psychologischer Selbstdiagnosen. Sie bieten jedoch einen theoretischen Zugang zu einer wichtigen Frage: Was geschieht, wenn wissenschaftlich entwickelte Kategorien zunehmend bestimmen, was Menschen als normal oder abweichend betrachten?

Die Medizin benötigt diagnostische Kriterien und Grenzwerte, um Erkrankungen zu erkennen und Behandlungen zu begründen. Die Psychiatrie benötigt nachvollziehbare Kriterien, um psychische Störungen zu unterscheiden. Solche Ordnungssysteme sind unverzichtbar. Problematisch wird es dort, wo aus fachlichen Beschreibungen allgemeine Maßstäbe für den Wert, die Leistungsfähigkeit oder die gesellschaftliche Anerkennung eines Menschen werden.

Denn statistische Normalität und menschliche Normalität sind nicht dasselbe. Menschen unterscheiden sich in ihrer körperlichen Verfassung, ihren Fähigkeiten, ihrem Verhalten und ihren Bedürfnissen. Nicht jede Abweichung vom Durchschnitt bedeutet Krankheit. Und nicht jede medizinisch beschreibbare Besonderheit verlangt nach einer Korrektur.

Hinzu kommt, dass Gesundheit zunehmend als persönliche Verantwortung verstanden wird. Menschen sollen sich ausreichend bewegen, richtig ernähren, genügend schlafen, Risiken kontrollieren und Vorsorgeangebote nutzen. Viele dieser Empfehlungen sind wissenschaftlich gut begründet. Doch aus berechtigter Gesundheitsförderung kann eine moralische Erwartung entstehen: Wer krank wird, hätte möglicherweise besser auf sich achten müssen. Diese Vorstellung übersieht, dass Gesundheit auch von genetischen Voraussetzungen, Arbeitsbedingungen, Umweltbelastungen, sozialen Verhältnissen und Zufällen abhängt. Krankheit ist nicht grundsätzlich das Ergebnis persönlicher Entscheidungen.

Der Mensch ist mehr als seine Befunde

Die moderne Medizin hat unzähligen Menschen geholfen, länger und besser zu leben. Die Psychologie und Psychiatrie haben wesentlich dazu beigetragen, menschliches Leiden zu verstehen und angemessene Unterstützung zu entwickeln. Diese Fortschritte stehen nicht infrage. Gerade weil medizinisches Wissen so wertvoll ist, muss sorgfältig unterschieden werden, wann es Menschen hilft und wann seine Anwendung möglicherweise zu weit reicht.

Eine zutreffende Diagnose kann das Leben verändern. Sie kann Erleichterung schaffen, eine wirksame Behandlung ermöglichen und den Zugang zu gesellschaftlicher Unterstützung verbessern. Aber sie sollte den Menschen nicht vollständig definieren. Wer an einer Depression leidet, ist mehr als seine Erkrankung. Wer ADHS hat, besitzt Eigenschaften und Fähigkeiten, die sich nicht allein aus dieser Diagnose erklären lassen. Und autistische Menschen unterscheiden sich untereinander ebenso wie andere Menschen. Eine diagnostische Kategorie kann bestimmte Gemeinsamkeiten beschreiben, aber niemals die gesamte Persönlichkeit erfassen.

Ebenso wenig muss jede vorübergehende Niedergeschlagenheit, jede Konzentrationsschwierigkeit oder jede ungewöhnliche Eigenheit medizinisch erklärt werden. Menschen dürfen traurig, unsicher, widersprüchlich, zurückhaltend, lebhaft oder anders als ihre Mitmenschen sein, ohne dass daraus automatisch ein behandlungsbedürftiger Zustand entsteht. Umgekehrt darf die berechtigte Kritik an einer vorschnellen Pathologisierung nicht dazu führen, ernsthafte Erkrankungen zu verharmlosen oder Betroffenen notwendige Hilfe vorzuenthalten.

Die entscheidende Herausforderung liegt deshalb nicht darin, weniger Wissen über den Menschen anzustreben. Sie besteht darin, dieses Wissen angemessen zu verwenden. Medizinische und psychologische Begriffe sollen Orientierung geben, nicht das Leben vollständig erklären. Diagnosen sollen helfen, Leiden zu erkennen und Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen, nicht Menschen auf eine Kategorie festlegen. Und Früherkennung soll nachweislich Gesundheit schützen, nicht allein die Zahl entdeckter Auffälligkeiten erhöhen.

Vielleicht liegt darin eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben einer zunehmend diagnostisch geprägten Zeit: die Fähigkeit zu bewahren, zwischen Krankheit und menschlicher Unterschiedlichkeit zu unterscheiden, zwischen medizinischem Risiko und gegenwärtigem Leiden, zwischen hilfreicher Erklärung und einengender Zuschreibung.

Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Diagnosen, seiner Risikofaktoren und seiner psychologischen Eigenschaften. Wissenschaft kann vieles über ihn erklären. Aber sie sollte ihm nicht die Freiheit nehmen, mehr zu sein als das, was sie an ihm beschreibt.


Quellenverzeichnis

[1] Conrad, Peter (2005): The Shifting Engines of Medicalization. Journal of Health and Social Behavior, 46(1), 3–14. https://doi.org/10.1177/002214650504600102

[2] Haslam, Nick (2016): Concept Creep: Psychology’s Expanding Concepts of Harm and Pathology. Psychological Inquiry, 27(1), 1–17. https://doi.org/10.1080/1047840X.2016.1082418

[3] Hacking, Ian (1996): The Looping Effects of Human Kinds. In: Sperber, Dan; Premack, David; Premack, Ann James (Hrsg.): Causal Cognition: A Multidisciplinary Debate. Oxford University Press, S. 351–394. https://doi.org/10.1093/acprof:oso/9780198524021.003.0012

[4] Sims, Rebecca et al. (2021): Consequences of a Diagnostic Label: A Systematic Scoping Review and Thematic Framework. Frontiers in Public Health, 9, 725877. https://doi.org/10.3389/fpubh.2021.725877

[5] World Health Organization, Regional Office for Europe (2020): Screening programmes: a short guide. Increase effectiveness, maximize benefits and minimize harm. https://www.who.int/publications/i/item/9789289054782

[6] Krogsbøll, Lasse T.; Jørgensen, Karsten Juhl; Gøtzsche, Peter C. (2019): General health checks in adults for reducing morbidity and mortality from disease. Cochrane Database of Systematic Reviews, CD009009. https://doi.org/10.1002/14651858.CD009009.pub3

[7] Moynihan, Ray; Doust, Jenny; Henry, David (2012): Preventing overdiagnosis: how to stop harming the healthy.BMJ, 344, e3502. https://doi.org/10.1136/bmj.e3502

[8] Sims, Rebecca et al. (2023): Quantifying the psychological and behavioural consequences of a diagnostic label for non-cancer conditions: systematic review. BJPsych Open, 9(3), e73. https://doi.org/10.1192/bjo.2023.49

[9] US Preventive Services Task Force (2022): Primary Open-Angle Glaucoma in Adults: Screening. Final Recommendation Statement, 24. Mai 2022. https://www.uspreventiveservicestaskforce.org/uspstf/recommendation/primary-open-angle-glaucoma-screening

[10] Foucault, Michel (1963): Naissance de la clinique. Une archéologie du regard médical. Presses Universitaires de France. Deutsch: Die Geburt der Klinik. Eine Archäologie des ärztlichen Blicks.

[11] Foucault, Michel (1975): Surveiller et punir. Naissance de la prison. Gallimard. Deutsch: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses.

[12] Foucault, Michel (1976): Histoire de la sexualité, 1: La volonté de savoir. Gallimard. Deutsch: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1.

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