Männergesundheit im Blick: Im Movember wird weltweit auf die Gesundheit von Männern aufmerksam gemacht. Weniger bekannt ist, dass Medikamente gegen Beschwerden bei einer gutartigen Prostatavergrößerung auch Jahre später eine Operation des Grauen Stars erschweren können. Besonders wichtig ist deshalb, das augenärztliche Operationsteam über eine frühere Einnahme zu informieren. Illustration: KI-generiert / Augenlicht.de
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Grauer Star: Warum frühere Prostatamedikamente die Augenoperation erschweren können

Im November macht die internationale Gesundheitskampagne Movember auf die Gesundheit von Männern aufmerksam. Ein wenig bekanntes Thema betrifft auch die Augen: Medikamente gegen Beschwerden bei einer gutartigen Prostatavergrößerung können eine spätere Operation des Grauen Stars erschweren. Besonders gut untersucht ist der Wirkstoff Tamsulosin. Doch auch Silodosin und andere Alpha-1-Rezeptorblocker können während des Eingriffs eine ungewöhnliche Instabilität der Regenbogenhaut begünstigen. Bei Tamsulosin wurde dies sogar Jahre nach dem Absetzen beobachtet. Deshalb sollte das Operationsteam auch über lange zurückliegende Behandlungen informiert werden.

Movember: Männergesundheit betrifft auch die Augen

Jedes Jahr im November lassen sich weltweit Männer einen Schnurrbart wachsen, um auf wichtige Fragen der Männergesundheit aufmerksam zu machen. Die internationale Kampagne Movember setzt sich insbesondere für die Aufklärung über Prostatakrebs, Hodenkrebs, psychische Gesundheit und Suizidprävention ein. Am 19. November wird außerdem der Internationale Männertag begangen. [1, 2]

Doch Männergesundheit betrifft nicht nur die Früherkennung und Behandlung von Krankheiten. Auch mögliche langfristige Auswirkungen von Medikamenten verdienen Aufmerksamkeit. Ein Beispiel sind Arzneimittel, die bei Beschwerden durch eine gutartige Prostatavergrößerung eingesetzt werden.

Diese Erkrankung ist nicht mit Prostatakrebs gleichzusetzen. Bei einer gutartigen Vergrößerung kann die Prostata die Harnröhre einengen und dadurch das Wasserlassen erschweren. Häufig müssen Betroffene nachts mehrfach zur Toilette, haben einen abgeschwächten Harnstrahl oder das Gefühl, ihre Blase nicht vollständig entleeren zu können.

Zur Linderung solcher Beschwerden werden unter anderem sogenannte Alpha-1-Rezeptorblocker eingesetzt. Sie entspannen die glatte Muskulatur im Bereich von Prostata und Blasenhals und erleichtern dadurch den Harnabfluss.

Zu den verwendeten Wirkstoffen gehören Tamsulosin, Silodosin, Alfuzosin, Doxazosin und Terazosin.

Was viele Betroffene nicht wissen: Einige dieser Medikamente können auch die Funktion der Regenbogenhaut beeinflussen. Dadurch kann eine spätere Kataraktoperation schwieriger werden.

Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) hat bereits 2020 auf diesen Zusammenhang hingewiesen. Sie empfiehlt, vor einer Operation des Grauen Stars ausdrücklich auch nach länger zurückliegenden Behandlungen mit Alpha-1-Rezeptorblockern zu fragen. [3]

Was geschieht beim Floppy-Iris-Syndrom?

Die mögliche Komplikation trägt die medizinische Bezeichnung intraoperatives Floppy-Iris-Syndrom, abgekürzt IFIS. Gemeint ist eine ungewöhnlich schlaffe und instabile Regenbogenhaut während einer Augenoperation.

Bei einer Kataraktoperation wird die eingetrübte natürliche Augenlinse entfernt und durch eine künstliche Linse ersetzt. Damit das Operationsteam die Linse gut erreichen kann, wird die Pupille vor dem Eingriff mit Augentropfen erweitert.

Normalerweise bleibt die Pupille während der Operation ausreichend weit geöffnet. Beim Floppy-Iris-Syndrom kann sich die Situation jedoch verändern.

Typisch sind drei Erscheinungen: Die Regenbogenhaut beginnt unter dem Einfluss der während der Operation eingesetzten Flüssigkeit zu flattern, die Pupille verengt sich trotz vorheriger Erweiterung zunehmend, und Teile der Regenbogenhaut können sich in Richtung der kleinen Operationsschnitte vorwölben.

Diese Veränderungen müssen nicht gleichzeitig auftreten. Bereits eine ausgeprägte Pupillenverengung kann die Operation erschweren, weil das Operationsfeld kleiner wird.

Das Syndrom wurde 2005 von den Augenärzten David Chang und John Campbell wissenschaftlich beschrieben. Schon damals zeigte sich ein auffälliger Zusammenhang mit der Einnahme von Tamsulosin. [4]

Die Ursache liegt wahrscheinlich in der Wirkung der Medikamente auf Rezeptoren des Muskels, der die Pupille erweitert. Werden diese Rezeptoren blockiert, kann die Erweiterungsfähigkeit der Pupille beeinträchtigt werden. Auch längerfristige Veränderungen der Muskelstruktur werden diskutiert.

Ein Floppy-Iris-Syndrom kann die Kataraktoperation technisch anspruchsvoller machen. Es bedeutet aber nicht automatisch, dass der Eingriff misslingt oder bleibende Sehschäden entstehen.

Tamsulosin: Ein gut dokumentierter Risikofaktor

Der Zusammenhang zwischen Tamsulosin und dem Floppy-Iris-Syndrom ist inzwischen durch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen gestützt.

Eine 2022 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit mit Netzwerk-Metaanalyse wertete 25 prospektive Vergleichsstudien aus. Für die Analyse des Floppy-Iris-Syndroms standen 51 direkte Vergleiche mit insgesamt 6.488 Fällen beziehungsweise Untersuchungseinheiten zur Verfügung. Je nach eingeschlossener Studie wurden teilweise Personen und teilweise einzelne Augen ausgewertet.

Für Tamsulosin ergab sich gegenüber Personen ohne Alpha-1-Rezeptorblocker ein relatives Risiko von 13,85. Das 95-Prozent-Konfidenzintervall lag zwischen 7,34 und 26,11. Damit zeigte sich ein statistisch deutlicher Zusammenhang zwischen der Behandlung und dem Auftreten des Syndroms. [5]

Diese Zahlen dürfen jedoch nicht missverstanden werden. Ein etwa 14-fach erhöhtes relatives Risiko bedeutet nicht, dass 14 von 100 behandelten Menschen betroffen sind. Es beschreibt das Verhältnis zwischen den untersuchten Gruppen und erlaubt keine unmittelbare Aussage über die absolute Wahrscheinlichkeit bei einer einzelnen Person.

Zudem unterschieden sich die Ergebnisse der eingeschlossenen Studien teilweise erheblich. Besonders beim Vergleich zwischen Tamsulosin und unbehandelten Kontrollgruppen bestand eine ausgeprägte statistische Heterogenität. Die genaue Risikohöhe lässt sich deshalb nicht ohne Weiteres auf alle Patientengruppen und Operationssituationen übertragen.

Wichtig ist außerdem die Unterscheidung zwischen dem Auftreten eines Floppy-Iris-Syndroms und einer schwerwiegenden Operationskomplikation. Eine instabile Regenbogenhaut erschwert den Eingriff, führt aber nicht zwangsläufig zu einem bleibenden Schaden.

Silodosin: Auch dieser Wirkstoff kann die Regenbogenhaut beeinflussen

Silodosin gehört wie Tamsulosin zu den Alpha-1-Rezeptorblockern und wirkt bevorzugt auf sogenannte Alpha-1A-Rezeptoren. Diese kommen nicht nur in den Harnwegen, sondern auch im Muskel vor, der für die Erweiterung der Pupille verantwortlich ist.

Während Tamsulosin seit der Erstbeschreibung des Floppy-Iris-Syndroms intensiv untersucht wurde, ist die Datenlage zu Silodosin weniger umfangreich. Dennoch gibt es klinische Untersuchungen, die einen Zusammenhang mit dem Syndrom zeigen.

Eine griechische Beobachtungsstudie, die 2022 in der Fachzeitschrift International Ophthalmology veröffentlicht wurde, untersuchte 700 Patienten nach Kataraktoperationen. Davon hatten 350 Alpha-1-Rezeptorblocker eingenommen. Weitere 350 Patienten bildeten eine anhand bestimmter Merkmale vergleichbar ausgewählte Kontrollgruppe.

Unter den 43 Patienten mit Silodosin-Exposition wurde bei 16 ein Floppy-Iris-Syndrom beobachtet. Das entsprach 37,2 Prozent. Bei Tamsulosin waren 38 von 177 Patienten betroffen, entsprechend 21,5 Prozent. Unter Alfuzosin lag der Anteil bei 11,4 Prozent, in der Kontrollgruppe bei 3,4 Prozent. [6]

Auch nach statistischer Berücksichtigung verschiedener Begleitfaktoren blieb Silodosin deutlich mit dem Auftreten des Syndroms verbunden. Die adjustierte Odds Ratio betrug 8,47 mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 4,01 bis 17,92. Für Tamsulosin ergab sich in derselben Untersuchung eine adjustierte Odds Ratio von 3,80.

Die Ergebnisse sind bemerkenswert, müssen jedoch vorsichtig interpretiert werden. Die Silodosin-Gruppe umfasste lediglich 43 Patienten. Zudem handelte es sich um eine Beobachtungsstudie, bei der trotz statistischer Anpassung nicht alle möglichen Einflussfaktoren ausgeschlossen werden können.

Die unterschiedlichen Prozentwerte beschreiben ausschließlich die untersuchten Patientengruppen. Sie belegen nicht, dass Silodosin grundsätzlich ein höheres Risiko verursacht als Tamsulosin.

Die Studie liefert damit einen wichtigen Hinweis auf ein relevantes Operationsrisiko unter Silodosin, erlaubt aber keine abschließende Bewertung der Unterschiede zwischen den beiden Wirkstoffen.

Warum die wissenschaftliche Bewertung von Silodosin noch unsicher ist

Die Netzwerk-Metaanalyse von 2022 konnte das Risiko für Silodosin nicht in gleicher Weise quantifizieren wie für Tamsulosin, Alfuzosin, Doxazosin und Terazosin.

Für Silodosin lagen zwar Untersuchungen zur Pupillenweite vor. Dabei zeigte sich unter bestimmten Lichtbedingungen keine statistisch gesicherte Verringerung des Pupillendurchmessers gegenüber Personen ohne entsprechende Behandlung. Für eine belastbare quantitative Auswertung des eigentlichen Floppy-Iris-Syndroms standen jedoch nicht genügend geeignete Daten zur Verfügung. [5]

Diese Unterscheidung ist medizinisch wichtig. Eine Pupille, die sich vor einer Operation ausreichend erweitern lässt, muss während des Eingriffs nicht zwangsläufig stabil bleiben. Die Pupillenweite allein ist deshalb kein zuverlässiger Ersatz für die Beobachtung eines Floppy-Iris-Syndroms.

Bereits 2020 wurde außerdem ein Fallbericht veröffentlicht, in dem bei einem 63-jährigen Patienten nach einer Behandlung mit Silodosin während der Kataraktoperation an beiden Augen ein Floppy-Iris-Syndrom auftrat. Mithilfe eines Iris-Retraktors konnte die Situation beherrscht werden. Nach den Eingriffen wurde an beiden Augen eine Sehschärfe von 20/20 erreicht. [7]

Solche Fallberichte zeigen, dass das Syndrom unter Silodosin auftreten kann und nicht zwangsläufig zu einem schlechten Operationsergebnis führt. Sie erlauben jedoch keine verlässliche Abschätzung seiner Häufigkeit.

Insgesamt lässt die Studienlage keine gesicherte Aussage darüber zu, ob Silodosin im Vergleich zu Tamsulosin ein höheres, niedrigeres oder ähnliches Risiko verursacht.

Silodosin kann deshalb nicht pauschal als augenärztlich unbedenkliche Alternative zu Tamsulosin angesehen werden. Ebenso wenig wäre es gerechtfertigt, den Wirkstoff aufgrund einzelner Studienergebnisse generell als gefährlicher einzustufen.

Das Floppy-Iris-Syndrom ist in der europäischen Arzneimittelfachinformation zu Silodosin berücksichtigt

Die möglichen Auswirkungen von Silodosin auf die Kataraktchirurgie sind auch Gegenstand der europäischen Arzneimittelinformationen.

In der von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) veröffentlichten Fachinformation wird das intraoperative Floppy-Iris-Syndrom ausdrücklich genannt. Es ist dort als mögliche unerwünschte Reaktion mit nicht bekannter Häufigkeit aufgeführt. Das bedeutet, dass sich aus den verfügbaren Daten keine verlässliche allgemeine Häufigkeit bestimmen lässt. [8]

Die Fachinformation weist darauf hin, dass das Syndrom bei Patienten auftreten kann, die Alpha-1-Rezeptorblocker aktuell einnehmen oder früher eingenommen haben.

Bei einer bereits geplanten Kataraktoperation soll möglichst keine neue Behandlung mit Silodosin begonnen werden. Außerdem soll das Operationsteam vor dem Eingriff feststellen, ob eine aktuelle oder frühere Einnahme vorliegt.

Diese Angaben sind keine neue eigenständige Gefahrenwarnung der EMA. Sie gehören zu den behördlich genehmigten Informationen über den Wirkstoff und die bei seiner Anwendung zu berücksichtigenden Risiken.

Sie belegen nicht, dass Silodosin gefährlicher als andere Alpha-1-Rezeptorblocker ist. Sie zeigen jedoch, dass der Zusammenhang mit möglichen Schwierigkeiten bei Kataraktoperationen als relevantes Arzneimittelrisiko berücksichtigt wird.

Warum Tamsulosin selbst nach Jahren noch eine Rolle spielen kann

Besonders bemerkenswert ist, dass das Floppy-Iris-Syndrom nicht nur während einer laufenden Behandlung mit Tamsulosin auftreten kann. Entsprechende Beobachtungen liegen auch bei Menschen vor, die das Medikament bereits lange vor ihrer Kataraktoperation abgesetzt hatten.

Die Schweizer Arzneimittelbehörde Swissmedic veröffentlichte eine Sicherheitsmeldung zu einem Fall aus dem Jahr 2025. Ein 70-jähriger Patient hatte wegen einer gutartigen Prostatavergrößerung etwa zwei bis drei Monate lang Tamsulosin eingenommen. Mehr als drei Jahre nach dem Absetzen wurde er am Grauen Star operiert. Während des Eingriffs trat ein Floppy-Iris-Syndrom auf. Nach der Operation berichtete der Patient über Sehstörungen, die ungefähr einen Monat anhielten und sich anschließend zurückbildeten. [9]

Dieser Fall zeigt, dass ein langer zeitlicher Abstand zwischen der Medikamenteneinnahme und der Augenoperation ein Floppy-Iris-Syndrom nicht ausschließt.

Allerdings handelt es sich um eine einzelne Arzneimittelverdachtsmeldung. Sie erlaubt weder eine zuverlässige Abschätzung des Risikos nach drei Jahren noch den sicheren Nachweis, dass die frühere Einnahme allein die Komplikation verursacht hat.

Warum solche Auswirkungen lange anhalten können, ist wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt. Diskutiert wird insbesondere, ob Tamsulosin längerfristige Veränderungen des Muskels begünstigen kann, der die Pupille erweitert. Dazu gehört eine mögliche Rückbildung von Muskelgewebe, die sogenannte Atrophie. Solche Veränderungen könnten erklären, weshalb die Regenbogenhaut auch nach dem Ausscheiden des Wirkstoffs aus dem Körper instabil bleibt. [9, 10]

Ob diese Veränderungen bei allen Betroffenen auftreten, wie lange sie bestehen bleiben und in welchem Umfang sie sich zurückbilden können, ist nicht ausreichend untersucht.

Für Silodosin ist eine vergleichbare Langzeitwirkung nach dem Absetzen weniger gut dokumentiert. Es wäre deshalb nicht gerechtfertigt, aus den Beobachtungen unter Tamsulosin automatisch eine identische Nachwirkungsdauer für Silodosin abzuleiten.

Gleichzeitig gibt es auch für Silodosin keine wissenschaftlich gesicherte Zeitgrenze, nach der eine frühere Behandlung für die Operationsplanung grundsätzlich als bedeutungslos angesehen werden könnte.

Welche Folgen kann eine instabile Regenbogenhaut haben?

Eine sich während der Operation verengende Pupille erschwert dem Operationsteam die Sicht und den Zugang zur Augenlinse. Gleichzeitig kann die instabile Regenbogenhaut in Richtung der kleinen Operationsschnitte gelangen und dadurch verletzt werden.

Zu den möglichen Komplikationen gehören Verletzungen der Regenbogenhaut, Schäden an der hinteren Linsenkapsel und der Verlust von Linsenmaterial in den Glaskörperraum. In ungünstigen Fällen können zusätzliche operative Maßnahmen notwendig werden.

Eine große kanadische Beobachtungsstudie untersuchte 2009, ob eine Tamsulosin-Exposition mit schwerwiegenden Ereignissen nach Kataraktoperationen verbunden war.

Die Forschenden werteten Daten von 96.128 Männern im Alter von mindestens 66 Jahren aus. Bei 284 Patienten, entsprechend ungefähr 0,3 Prozent, wurde innerhalb von 14 Tagen nach der Operation mindestens eines der untersuchten schwerwiegenden Augenereignisse festgestellt.

Bei Patienten, deren Tamsulosin-Verordnung zeitlich bis in die letzten 14 Tage vor der Operation reichte, war die statistische Chance für solche Ereignisse erhöht. Die adjustierte Odds Ratio betrug 2,33. Aus den Daten wurde geschätzt, dass unter den damaligen Bedingungen auf ungefähr 255 entsprechend exponierte Patienten ein zusätzliches schwerwiegendes Ereignis kommen könnte. Die Unsicherheit dieser Schätzung war allerdings beträchtlich. [11]

Für eine länger zurückliegende Einnahme innerhalb des untersuchten Vorjahres fand die Studie dagegen keinen statistisch gesicherten Anstieg der untersuchten schweren postoperativen Ereignisse.

Dieser Befund ist für die Einordnung wesentlich. Er bedeutet jedoch nicht, dass ein Floppy-Iris-Syndrom nach dem Absetzen ausgeschlossen wäre. Die Untersuchung erfasste schwere Ereignisse nach der Operation, nicht sämtliche Fälle einer instabilen Regenbogenhaut während des Eingriffs. Außerdem untersuchte sie keine beliebig lange zurückliegende Medikamenteneinnahme.

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass zwischen einer technisch erschwerten Operation und einer tatsächlich eingetretenen schwerwiegenden Komplikation unterschieden werden muss.

Wie können Augenärzte auf das Risiko reagieren?

Wenn das Operationsteam von einer aktuellen oder früheren Einnahme von Alpha-1-Rezeptorblockern weiß, kann es geeignete Vorsichtsmaßnahmen vorbereiten.

Dazu gehören spezielle Medikamente zur Unterstützung der Pupillenerweiterung, viskoelastische Substanzen zur Stabilisierung des vorderen Augenabschnitts und mechanische Hilfsmittel, mit denen die Pupille während des Eingriffs offen gehalten werden kann.

Beispielsweise können kleine Iris-Häkchen oder spezielle Pupillenerweiterungsringe eingesetzt werden. Außerdem lassen sich die Flüssigkeitsströmung und andere technische Einstellungen während der Ultraschallbehandlung anpassen.

Die Europäische Gesellschaft für Katarakt- und refraktive Chirurgie (ESCRS) berücksichtigt das Floppy-Iris-Syndrom in ihren Empfehlungen zur Kataraktchirurgie. Sie empfiehlt bei kleinen oder instabilen Pupillen ein abgestuftes Vorgehen, bei dem je nach Situation Medikamente, stabilisierende Substanzen und mechanische Erweiterungshilfen eingesetzt werden können. [12]

Nicht jeder Patient mit einer früheren Tamsulosin- oder Silodosin-Einnahme benötigt solche Maßnahmen. Entscheidend sind die anatomischen Verhältnisse und der tatsächliche Verlauf des Eingriffs.

Die Kenntnis der Medikamentenvorgeschichte ermöglicht jedoch eine bessere Vorbereitung und kann helfen, vermeidbare Schwierigkeiten zu begrenzen.

Sollte Tamsulosin oder Silodosin vor der Operation abgesetzt werden?

Ein kurzfristiges Absetzen der Medikamente ist kein verlässlich nachgewiesener Schutz vor dem Floppy-Iris-Syndrom.

Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft empfahl 2020, Tamsulosin möglichst frühzeitig vor einer Kataraktoperation abzusetzen. Gleichzeitig stellte sie ausdrücklich fest, dass sich das Syndrom auch durch ein längerfristiges Absetzen nicht vollständig vermeiden lässt. [3]

Auch die europäischen Arzneimittelinformationen zu Silodosin weisen darauf hin, dass eine Unterbrechung ein bis zwei Wochen vor dem Eingriff zwar empfohlen wurde, der Nutzen und die optimale Dauer einer solchen Maßnahme aber wissenschaftlich nicht gesichert sind. [8]

Daraus folgt, dass Betroffene Tamsulosin oder Silodosin nicht eigenmächtig absetzen sollten. Ob eine Behandlung unterbrochen, fortgesetzt oder umgestellt wird, muss zwischen der urologisch behandelnden Praxis und dem augenärztlichen Operationsteam abgestimmt werden.

Das gilt insbesondere, weil die Medikamente zur Linderung belastender Beschwerden beim Wasserlassen eingesetzt werden. Eine unüberlegte Unterbrechung kann dazu führen, dass diese Beschwerden wieder zunehmen.

Wer bereits einen Operationstermin hat, sollte deshalb nicht selbstständig seine Medikation verändern, sondern die Augenarztpraxis frühzeitig über die Einnahme informieren.

Was ist bei einer neuen Behandlung zu beachten?

Wenn bei einem Patienten bereits ein Grauer Star bekannt ist und gleichzeitig eine neue Behandlung wegen Prostatabeschwerden notwendig wird, sollte die mögliche spätere Kataraktoperation bei der Medikamentenwahl berücksichtigt werden.

Die deutsche Arzneimittelkommission empfahl 2020, eine bereits geplante Kataraktoperation möglichst vor dem Beginn einer Behandlung mit Alpha-1-Rezeptorblockern durchzuführen. Falls eine medikamentöse Behandlung zuvor erforderlich sei, könne ein Wirkstoff mit vermutlich geringerem IFIS-Risiko erwogen werden. [3]

Diese Empfehlung bedeutet allerdings nicht, dass eine bestimmte Alternative grundsätzlich frei von entsprechenden Risiken wäre.

Die Auswahl eines geeigneten Medikaments muss die urologischen Beschwerden, die Wirksamkeit der Behandlung, mögliche Auswirkungen auf den Blutdruck und andere Nebenwirkungen berücksichtigen. Eine bekannte oder bereits geplante Kataraktoperation sollte dabei ausdrücklich angesprochen werden.

Betrifft das Problem ausschließlich Männer?

Nein. Zwar werden Alpha-1-Rezeptorblocker überwiegend zur Behandlung von Beschwerden bei einer gutartigen Prostatavergrößerung eingesetzt. Einzelne Wirkstoffe werden jedoch in bestimmten Situationen auch Frauen verordnet, beispielsweise außerhalb ihrer regulären Zulassung bei ausgewählten Harnwegsbeschwerden.

Auch bei Frauen wurde das Floppy-Iris-Syndrom im Zusammenhang mit entsprechenden Medikamenten beschrieben. Deshalb sollte vor einer Kataraktoperation grundsätzlich bei allen Betroffenen nach einer aktuellen oder früheren Einnahme von Alpha-1-Rezeptorblockern gefragt werden. [3, 10]

Was Patienten vor einer Kataraktoperation mitteilen sollten

Wer eine Operation des Grauen Stars plant, sollte der Augenärztin oder dem Augenarzt ausdrücklich mitteilen, ob jemals Tamsulosin, Silodosin oder ein anderer Alpha-1-Rezeptorblocker eingenommen wurde.

Das gilt auch dann, wenn die Behandlung nur wenige Wochen oder Monate dauerte und bereits viele Jahre zurückliegt.

Hilfreich sind Angaben zum Wirkstoff, zur ungefähren Behandlungsdauer und zum Zeitpunkt des Absetzens. Wer sich nicht mehr an den Namen des früheren Medikaments erinnert, kann möglicherweise in alten Medikamentenplänen, Arztbriefen oder Unterlagen der Apotheke nachsehen.

Wichtig ist außerdem, dass diese Information tatsächlich beim operierenden Augenarzt oder der operierenden Augenärztin ankommt. Ein Eintrag in einem älteren Arztbrief genügt nicht unbedingt, wenn dieser bei der Operationsplanung nicht vorliegt.

Wer erst kurz vor einem bereits vereinbarten Operationstermin von dem Zusammenhang erfährt, sollte die Augenarztpraxis möglichst vor dem Eingriff informieren.

Eine frühere Einnahme von Tamsulosin oder Silodosin ist für sich genommen kein Grund, auf eine notwendige Kataraktoperation zu verzichten. Sie kann aber Anlass sein, die Operationsvorbereitung anzupassen.

Fazit: Eine frühere Medikamenteneinnahme gehört zur Operationsplanung

Der Zusammenhang zwischen Alpha-1-Rezeptorblockern und dem intraoperativen Floppy-Iris-Syndrom ist seit mehr als zwei Jahrzehnten bekannt. Besonders gut untersucht ist das Risiko für Tamsulosin. Klinische Untersuchungen zeigen jedoch, dass auch Silodosin ein relevanter Risikofaktor sein kann.

Wie hoch das Risiko bei einem einzelnen Menschen tatsächlich ist und wie lange es nach dem Absetzen bestehen bleibt, lässt sich bislang nicht zuverlässig bestimmen. Für Tamsulosin liegen Beobachtungen vor, nach denen das Syndrom selbst mehr als drei Jahre nach Beendigung der Behandlung auftreten kann. Für Silodosin ist die langfristige Risikodauer weniger gut untersucht.

Wer irgendwann Tamsulosin, Silodosin oder einen anderen Alpha-1-Rezeptorblocker eingenommen hat, sollte dies vor einer Kataraktoperation mitteilen – auch wenn die Behandlung bereits viele Jahre zurückliegt.

Der Movember bietet einen passenden Anlass, auf diesen wenig bekannten Zusammenhang aufmerksam zu machen. Denn zu einer umfassenden Gesundheitsvorsorge gehört nicht nur die Behandlung einer Erkrankung, sondern auch das Wissen darüber, welche Auswirkungen frühere Medikamente auf spätere medizinische Eingriffe haben können.

Eine rechtzeitige Information ermöglicht es dem Operationsteam, mögliche Schwierigkeiten einzuplanen und geeignete Maßnahmen vorzubereiten. Damit kann eine scheinbar längst vergessene Medikamenteneinnahme zu einer wichtigen Information für die Sicherheit der Augenoperation werden.


Quellenverzeichnis

[1] Movember Foundation. Changing the face of men’s health. Offizielle Informationen zur internationalen Gesundheitskampagne und ihren Schwerpunkten.
https://movember.com/about-us

[2] International Men’s Day, 2026. International Men’s Day 2026 – The Future Is Everyone. Offizielle Informationen zum Internationalen Männertag am 19. November.
https://internationalmensday.com/media/

[3] Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), 2020. „UAW-News International“: Intraoperatives Floppy-Iris-Syndrom im Zusammenhang mit Tamsulosin. Deutsches Ärzteblatt, 117, A 1711–1712.
https://www.akdae.de/arzneimittelsicherheit/drug-safety-mail/newsdetail/drug-safety-mail-2020-51

[4] Chang DF, Campbell JR, 2005. Intraoperative floppy iris syndrome associated with tamsulosin. Journal of Cataract & Refractive Surgery, 31(4), 664–673.
https://doi.org/10.1016/j.jcrs.2005.02.027

[5] Wang YH, Huang LC, Tsai SHL, Chen YJ, Wu CL, Kang YN, 2022. Risk of intraoperative floppy iris syndrome among selective alpha-1 blockers—A consistency model of 6,488 cases. Frontiers in Medicine, 9, 941130.
https://doi.org/10.3389/fmed.2022.941130
Frei zugänglicher Volltext: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9468244/

[6] Christou CD, Kourouklidou M, Mataftsi A, Oustoglou E, Ziakas N, Tzamalis A, 2022. Silodosin as a predisposing factor of intraoperative floppy iris syndrome (IFIS): an observational propensity score-matching cohort study. International Ophthalmology, 42(2), 393–399.
https://doi.org/10.1007/s10792-021-02054-y
Abstract: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34609669/

[7] Ozcura F, Gultekin Irgat S, 2020. Bilateral Intraoperative Floppy Iris Syndrome Associated with Silodosin Intake. Eurasian Journal of Medicine, 52(1), 100–102.
https://doi.org/10.5152/eurasianjmed.2019.19017
Frei zugänglicher Volltext: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7051239/

[8] European Medicines Agency (EMA). Silodosin Recordati: Summary of Product Characteristics. Abschnitte 4.4 und 4.8. Europäische Arzneimittelfachinformation.
https://www.ema.europa.eu/system/files/documents/product-information/ema-combined-h-4964-en.pdf

[9] Swissmedic, 2025. Risiko eines intraoperativen Floppy-Iris-Syndroms in Verbindung mit einer Tamsulosin-Therapie. Behördliche Arzneimittelsicherheitsmeldung mit Fallbericht aus dem Jahr 2025.
https://www.swissmedic.ch/swissmedic/de/home/humanarzneimittel/marktueberwachung/pharmacovigilance/vigilance-news/intraoperativen-floppy-iris-syndroms.html

[10] Christou CD, Tsinopoulos I, Ziakas N, Tzamalis A, 2020. Intraoperative Floppy Iris Syndrome: Updated Perspectives. Clinical Ophthalmology, 14, 463–471.
https://doi.org/10.2147/OPTH.S221094
Frei zugänglicher Volltext: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7039091/

[11] Bell CM, Hatch WV, Fischer HD et al., 2009. Association Between Tamsulosin and Serious Ophthalmic Adverse Events in Older Men Following Cataract Surgery. JAMA, 301(19), 1991–1996.
https://doi.org/10.1001/jama.2009.683
Originalarbeit: https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/183928

[12] European Society of Cataract and Refractive Surgeons (ESCRS). ESCRS Recommendations for Cataract Surgery. Abschnitt Small Pupil / Intraoperative Floppy Iris Syndrome.
https://www.escrs.org/escrs-recommendations-for-cataract-surgery

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