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Glaukom: Welche Rolle spielen Darmbakterien und das Immunsystem?

Beim Grünen Star ist ein erhöhter Augeninnendruck der wichtigste bekannte beeinflussbare Risikofaktor. Doch er erklärt nicht alle Vorgänge, die zur Schädigung des Sehnervs führen. Wissenschaftliche Untersuchungen liefern zunehmend Hinweise darauf, dass auch das Immunsystem, chronische Entzündungsprozesse und die Zusammensetzung der Darmflora beteiligt sein könnten. Neue Studien zeigen mögliche biologische Zusammenhänge und eröffnen Perspektiven für zusätzliche Behandlungsansätze. Noch ist allerdings nicht bewiesen, dass sich ein Glaukom durch Veränderungen des Darmmikrobioms verhindern oder behandeln lässt.

Warum der Augeninnendruck nicht alles erklärt

Das Glaukom, umgangssprachlich Grüner Star genannt, gehört weltweit zu den häufigsten Ursachen einer dauerhaften Erblindung. Bei dieser Erkrankungsgruppe werden die retinalen Ganglienzellen und ihre Nervenfasern zunehmend geschädigt. Diese Nervenzellen leiten die Informationen aus der Netzhaut über den Sehnerv zum Gehirn.
Die Erkrankung entwickelt sich häufig über viele Jahre. Weil zunächst meist keine Schmerzen oder auffälligen Sehstörungen auftreten, bleibt sie lange unbemerkt. Im weiteren Verlauf entstehen Gesichtsfeldausfälle, die bei fortschreitender Schädigung erhebliche Einschränkungen des Sehvermögens verursachen können.
Der wichtigste bekannte beeinflussbare Risikofaktor ist ein erhöhter Augeninnendruck. Durch drucksenkende Medikamente, Laserbehandlungen oder Operationen lässt sich das Fortschreiten der Erkrankung bei vielen Betroffenen verlangsamen.
Allerdings entwickeln auch Menschen mit Augeninnendruckwerten im statistischen Normalbereich typische Glaukomschäden. Beim sogenannten Normaldruckglaukom liegt der gemessene Druck innerhalb dieses Bereichs, obwohl der Sehnerv zunehmend geschädigt wird.
Außerdem kann die Erkrankung bei manchen Betroffenen trotz einer wirksamen Drucksenkung fortschreiten.
Deshalb untersucht die Augenheilkunde seit Jahren weitere mögliche Krankheitsmechanismen. Dazu gehören Durchblutungsstörungen, oxidativer Stress, Veränderungen des Zellstoffwechsels und fehlgeleitete Immunreaktionen.
Ein zunehmend beachtetes Forschungsgebiet beschäftigt sich mit der Verbindung zwischen dem Darm, dem Immunsystem und dem Auge.

Glaukom und Mikroboom – Bild KI-generiert

Die Darm-Augen-Achse: Wie der Darm das Auge beeinflussen könnte

Im menschlichen Darm leben zahlreiche Mikroorganismen. Dazu gehören hauptsächlich Bakterien, aber auch Viren, Pilze und andere Kleinstlebewesen. Ihre Gesamtheit wird als Darmmikrobiom bezeichnet.
Diese Mikroorganismen erfüllen wichtige Funktionen. Sie helfen bei der Verarbeitung von Nahrungsbestandteilen, produzieren Stoffwechselprodukte und stehen in enger Wechselwirkung mit dem Immunsystem.
Von besonderem Interesse sind kurzkettige Fettsäuren. Sie entstehen unter anderem beim bakteriellen Abbau von Ballaststoffen. Eine dieser Verbindungen ist Butyrat, auch Buttersäure genannt.
Butyrat dient den Zellen der Darmschleimhaut als Energiequelle und kann bestimmte Entzündungsreaktionen beeinflussen.
Verändert sich die Zusammensetzung der Darmbakterien, kann sich auch die Produktion solcher Stoffwechselprodukte verändern. Forschende untersuchen deshalb, ob diese Veränderungen Auswirkungen auf andere Organe haben.

Der Begriff Darm-Augen-Achse beschreibt mögliche Wechselwirkungen zwischen dem Darmmikrobiom, dem Immunsystem und den Geweben des Auges. Eine im Februar 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit untersuchte den bisherigen wissenschaftlichen Kenntnisstand zu diesem Zusammenhang beim Glaukom. Insgesamt wurden 14 Studien berücksichtigt, die sich mit Mikroorganismen des Darms oder der Augenoberfläche und ihren möglichen Beziehungen zur Erkrankung beschäftigten.
Die Autorinnen und Autoren fanden wiederholt Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Glaukom. Allerdings waren die Untersuchungen hinsichtlich Teilnehmerzahl, Methodik und untersuchter Erkrankungsformen sehr unterschiedlich.
Die Übersichtsarbeit kommt deshalb nicht zu dem Ergebnis, dass eine veränderte Darmflora als Ursache des Glaukoms nachgewiesen wäre. Sie beschreibt vielmehr Hinweise auf mögliche biologische Zusammenhänge, die weiter untersucht werden müssen [1].

Große Untersuchung findet Unterschiede bei Darmbakterien

Eine wichtige Studie wurde 2024 in der Fachzeitschrift Investigative Ophthalmology & Visual Science veröffentlicht.

Die Forschenden untersuchten 225 Menschen mit Glaukom und 1.247 nach Alter und Geschlecht vergleichbare Personen ohne Glaukom. Mithilfe genetischer Analyseverfahren bestimmten sie die Zusammensetzung der Bakterien in Stuhlproben. Dabei zeigte sich, dass bestimmte Bakteriengruppen, die an der Produktion von Butyrat beteiligt sind, bei Menschen mit Glaukom weniger häufig vorkamen. Einige dieser Bakteriengruppen standen außerdem statistisch mit dem Augeninnendruck und dem Verhältnis zwischen der Aushöhlung und dem Gesamtdurchmesser des Sehnervenkopfes in Zusammenhang. Dieses Verhältnis ist ein anatomischer Messwert, der bei der Beurteilung glaukomatöser Veränderungen berücksichtigt wird. Die Forschenden versuchten anschließend, ihre Ergebnisse anhand weiterer Bevölkerungsstudien aus Großbritannien und Deutschland zu überprüfen. Dabei zeigte sich allerdings ein uneinheitliches Bild.

In einer unabhängigen britischen Untersuchungsgruppe mit 32 Glaukomerkrankten bestätigte sich keiner der ursprünglich mit dem Vorliegen eines Glaukoms verbundenen Einzelbefunde unmittelbar. Erst bei zusammenfassenden statistischen Auswertungen blieben einige Zusammenhänge bestehen. Auch bei den Untersuchungen zum Sehnervenkopf konnten die ursprünglich beobachteten Zusammenhänge in einer weiteren Bevölkerungsstudie nicht einzeln bestätigt werden.

Besonders wichtig ist ein weiterer methodischer Befund: In der ursprünglichen Untersuchungsgruppe blieb nach der statistischen Korrektur für die Vielzahl gleichzeitig geprüfter Zusammenhänge keiner der untersuchten Bakterienbefunde signifikant. In den zusammengefassten Auswertungen erreichten einzelne Zusammenhänge die von den Forschenden verwendeten Kriterien für statistische Auffälligkeit. Insgesamt waren die Ergebnisse jedoch weniger eindeutig, als die zunächst beobachteten Unterschiede vermuten ließen [2]. Hinzu kommen mögliche Störfaktoren. Die Stuhlproben der verschiedenen Untersuchungsgruppen wurden teilweise mit unterschiedlichen Verfahren gewonnen und verarbeitet. Solche Unterschiede können die Ergebnisse mikrobiologischer Analysen beeinflussen.

Die Studie liefert somit interessante Hinweise auf eine mögliche Beteiligung bestimmter Darmbakterien. Sie beweist aber nicht, dass diese Bakterien vor einem Glaukom schützen. Ebenso wenig lässt sich daraus ableiten, dass eine gezielte Veränderung der Darmflora den Augeninnendruck senken oder den Verlust von Nervenzellen verhindern könnte.

Wenn das Immunsystem körpereigene Nervenzellen angreift

Eine mögliche Erklärung für die Verbindung zwischen Mikroorganismen und Glaukom liefert die Immunforschung. Bereits 2018 veröffentlichte eine internationale Forschungsgruppe in der Fachzeitschrift Nature Communications eine Untersuchung, die einen möglichen Mechanismus der fortschreitenden Nervenschädigung beschrieb. In Experimenten mit Mäusen führte eine vorübergehende Erhöhung des Augeninnendrucks dazu, dass bestimmte Immunzellen, sogenannte T-Lymphozyten, in die Netzhaut eindrangen. Diese Zellen gehören zur körpereigenen Abwehr. Normalerweise helfen sie dabei, Krankheitserreger zu erkennen und zu bekämpfen. In den Experimenten zeigte sich jedoch, dass bestimmte T-Lymphozyten an der Schädigung retinaler Ganglienzellen beteiligt waren.

Besonders auffällig war, dass die Nervenzellschädigung teilweise fortschritt, nachdem sich der zuvor erhöhte Augeninnendruck wieder normalisiert hatte. Die Forschenden untersuchten daraufhin, weshalb das Immunsystem auf körpereigene Strukturen reagieren könnte. Im Mittelpunkt standen sogenannte Hitzeschockproteine. Diese Eiweiße kommen sowohl in menschlichen Zellen als auch in Bakterien vor. Sie helfen Zellen unter anderem dabei, auf belastende Bedingungen zu reagieren. Die Wissenschaftler fanden Hinweise darauf, dass Immunzellen, die ursprünglich auf bakterielle Eiweiße reagieren, unter bestimmten Bedingungen auch ähnliche körpereigene Eiweiße erkennen können. Dieser Vorgang wird als Kreuzreaktivität bezeichnet. Er könnte dazu führen, dass eine ursprünglich gegen Mikroorganismen gerichtete Immunreaktion unbeabsichtigt körpereigene Nervenzellen schädigt. Ein weiteres Experiment stützte diese Vermutung.

Bei Mäusen, die unter keimfreien Bedingungen aufgewachsen waren, blieb die entsprechende Immunreaktion und die damit verbundene fortschreitende Nervenschädigung aus. Die Ergebnisse deuteten damit auf eine Beteiligung der normalen mikrobiellen Besiedlung des Körpers an bestimmten glaukomähnlichen Schädigungsprozessen hin [3]. Allerdings müssen diese Befunde sorgfältig eingeordnet werden. Die entscheidenden Experimente wurden an Mäusen durchgeführt. Ergänzende Untersuchungen beim Menschen lieferten Hinweise auf vergleichbare Immunreaktionen, konnten deren ursächliche Bedeutung für die Erkrankung jedoch nicht beweisen. Die Studie zeigt deshalb einen möglichen biologischen Mechanismus, aber noch keine gesicherte Erklärung für das menschliche Glaukom.

Im September 2018 veröffentlichten die Autoren außerdem eine Korrektur zu einer Abbildung. In der ursprünglichen Fassung war ein Balkendiagramm versehentlich durch die Wiederholung eines benachbarten Diagramms ersetzt worden. Die Abbildung wurde korrigiert; eine Zurücknahme der Studie erfolgte nicht [4].

Weiterführender Hintergrund: Die frühen experimentellen Untersuchungen zur Beteiligung von Darmbakterien, T-Lymphozyten und Hitzeschockproteinen erläutern wir ausführlich in unserem Beitrag „Darm-Mikrobiom und Glaukom: Wie Darmbakterien das Auge beeinflussen“

Ein Stoffwechselprodukt aus dem Darm schützt Nervenzellen im Tierversuch

Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung beschäftigte sich mit der Frage, ob bestimmte Stoffwechselprodukte von Darmbakterien entzündliche Prozesse in der Netzhaut beeinflussen können.

Im Mittelpunkt stand Indol-3-Essigsäure. Diese Verbindung kann unter anderem beim bakteriellen Abbau der Aminosäure Tryptophan entstehen. Die Forschenden untersuchten zunächst Stuhlproben von 15 Menschen mit Glaukom und 15 Personen ohne diese Erkrankung. Außerdem verglichen sie bestimmte Stoffwechselprodukte im Blut. Dabei fanden sie Unterschiede in der Zusammensetzung der Darmflora und niedrigere Konzentrationen von Indol-3-Essigsäure bei den Erkrankten. Die menschliche Vergleichsgruppe war mit insgesamt 30 Teilnehmenden allerdings klein. Solche Untersuchungen können Hinweise auf mögliche Zusammenhänge liefern, sind aber besonders anfällig für zufällige Unterschiede und den Einfluss weiterer Faktoren. Anschließend untersuchten die Forschenden die möglichen Wirkungen des Stoffwechselprodukts in Zellkulturen und in einem Mausmodell mit erhöhtem Augeninnendruck. Dabei zeigte sich, dass Indol-3-Essigsäure bestimmte Entzündungsreaktionen abschwächen konnte. Gleichzeitig war der Verlust retinaler Ganglienzellen geringer als bei den entsprechend untersuchten Kontrolltieren. Auch funktionelle Untersuchungen deuteten auf einen schützenden Effekt hin.

Die Forschenden beschrieben einen möglichen molekularen Mechanismus, an dem unter anderem der Aryl-Hydrocarbon-Rezeptor und ein Signalweg beteiligt sind, der mit entzündlichen Reaktionen in Verbindung steht [5]. Die Ergebnisse sind für die Grundlagenforschung bedeutsam, weil sie einen konkreten biologischen Ansatzpunkt für die Entwicklung neuer Behandlungen liefern. Ein klinischer Nutzen beim Menschen wurde jedoch nicht nachgewiesen.

Die Untersuchung zeigt insbesondere nicht, dass die Einnahme von Tryptophan, Indol-3-Essigsäure oder bestimmten Nahrungsergänzungsmitteln das Fortschreiten eines Glaukoms verhindern könnte. Die experimentelle Behandlung wurde auch nicht hinsichtlich ihrer langfristigen Sicherheit und Wirksamkeit bei Menschen mit Glaukom untersucht.

Welche Bedeutung haben chronische Entzündungen?

Die verschiedenen Untersuchungen weisen auf eine gemeinsame Forschungsfrage hin: Könnten fehlgeleitete oder übermäßig starke Immunreaktionen zur Schädigung des Sehnervs beitragen? Entzündungsprozesse sind grundsätzlich Teil der normalen körpereigenen Abwehr. Sie helfen, Krankheitserreger zu bekämpfen und beschädigtes Gewebe zu beseitigen. Problematisch können sie werden, wenn sie über längere Zeit bestehen bleiben oder sich gegen körpereigene Strukturen richten.

Im Nervensystem spielen dabei unter anderem spezialisierte Immunzellen eine Rolle. In der Netzhaut gehören dazu die sogenannten Mikrogliazellen. Sie überwachen ihre Umgebung und reagieren auf Veränderungen oder Schädigungen. Werden solche Zellen dauerhaft oder übermäßig aktiviert, können sie entzündungsfördernde Botenstoffe freisetzen. Unter bestimmten Bedingungen könnte dies zusätzliche Belastungen für empfindliche Nervenzellen verursachen. Die Forschung untersucht deshalb, ob entzündliche Prozesse beim Glaukom nicht nur eine Folge bereits vorhandener Gewebeschäden sind, sondern selbst zum weiteren Verlust retinaler Ganglienzellen beitragen. Allerdings ist bislang nicht geklärt, wie groß dieser mögliche Beitrag beim Menschen tatsächlich ist.

Das Glaukom umfasst unterschiedliche Erkrankungsformen. Es ist daher nicht anzunehmen, dass ein einzelner Entzündungsmechanismus sämtliche Krankheitsverläufe erklärt. Auch ein im Blut nachweisbarer Entzündungsmarker bedeutet nicht automatisch, dass im Sehnerv eine krankheitsverursachende Immunreaktion stattfindet. Die bisherigen Ergebnisse sprechen für die weitere Erforschung solcher Mechanismen, rechtfertigen aber noch keine allgemeine Einordnung des Glaukoms als chronische Entzündungskrankheit.

Können Betroffene durch ihre Ernährung Einfluss nehmen?

Aus den Erkenntnissen zur Darm-Augen-Achse ergibt sich eine naheliegende Frage: Kann eine Veränderung der Ernährung das Glaukomrisiko oder den Krankheitsverlauf beeinflussen? Grundsätzlich ist bekannt, dass die Ernährung die Zusammensetzung und Aktivität des Darmmikrobioms beeinflussen kann. Ballaststoffreiche Lebensmittel wie Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Obst und Nüsse liefern Nahrungsbestandteile, die von Darmbakterien verarbeitet werden. Dabei entstehen unter anderem kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat, die verschiedene Funktionen im Stoffwechsel und bei der Regulation von Immunreaktionen übernehmen. Eine abwechslungsreiche, überwiegend pflanzenbetonte Ernährung ist deshalb aus allgemeinen gesundheitlichen Gründen sinnvoll.

Für das Glaukom lässt sich daraus jedoch noch keine gezielte Behandlungsempfehlung ableiten. Bislang fehlt der klinische Nachweis, dass eine bestimmte Ernährungsform über Veränderungen des Darmmikrobioms den Verlust retinaler Ganglienzellen verhindert oder das Fortschreiten von Gesichtsfeldschäden verlangsamt.

Auch für Probiotika, Präbiotika und andere Maßnahmen zur gezielten Veränderung der Darmflora liegt auf Grundlage der beschriebenen Forschung kein ausreichender Wirksamkeitsnachweis als Glaukomtherapie vor. Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen einem biologisch plausiblen Wirkmechanismus und einem nachgewiesenen gesundheitlichen Nutzen.

Dass bestimmte Darmbakterien Stoffwechselprodukte mit entzündungsregulierenden Eigenschaften herstellen, bedeutet nicht automatisch, dass ihre gezielte Vermehrung die Sehfähigkeit schützt. Ebenso wenig lässt sich aus einem niedrigen Blutwert eines bestimmten Stoffwechselprodukts ableiten, dass dessen zusätzliche Einnahme medizinisch sinnvoll wäre.Eine gesunde Ernährung kann die allgemeine Gesundheit unterstützen. Sie ersetzt jedoch keine augenärztliche Behandlung.

Warum die Senkung des Augeninnendrucks weiterhin entscheidend bleibt

Die neuen Erkenntnisse verändern bislang nichts an den grundlegenden Empfehlungen zur Behandlung des Glaukoms. Die Europäische Glaukomgesellschaft stellt in ihrer im September 2025 veröffentlichten sechsten Leitlinienausgabe fest, dass die Senkung des Augeninnendrucks weiterhin die einzige nachgewiesene therapeutische Maßnahme ist, um die Sehfunktion bei Glaukom zu erhalten [6]. Dafür stehen verschiedene Verfahren zur Verfügung.

Zu den medikamentösen Möglichkeiten gehören beispielsweise Prostaglandinanaloga, Betablocker und Carboanhydrasehemmer. Diese Wirkstoffe senken den Augeninnendruck über unterschiedliche Mechanismen.

Bei geeigneten Glaukomformen kann auch eine selektive Lasertrabekuloplastik eingesetzt werden. Sie verbessert den Abfluss des Kammerwassers über das Trabekelwerk und kann sowohl als anfängliche Behandlung als auch in bestimmten weiteren Behandlungssituationen infrage kommen.

Wenn die angestrebte Drucksenkung nicht erreicht wird oder die Erkrankung fortschreitet, können operative Verfahren erforderlich sein.

Welche Behandlung geeignet ist, hängt unter anderem vom Glaukomtyp, dem bisherigen Krankheitsverlauf, dem Ausmaß der vorhandenen Schäden und dem individuell festgelegten Zieldruck ab.

Auch bei einem Normaldruckglaukom kann eine weitere Senkung des Augeninnendrucks das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen.

Regelmäßige augenärztliche Untersuchungen bleiben deshalb unverzichtbar. Neben der Druckmessung sind insbesondere die Beurteilung des Sehnervs, die Untersuchung der retinalen Nervenfaserschicht und die Gesichtsfeldprüfung wichtig. Erst die gemeinsame Bewertung dieser Befunde erlaubt eine zuverlässigere Einschätzung des Krankheitsverlaufs. Die Forschung zur Darm-Augen-Achse bietet bislang keinen Anlass, eine bewährte drucksenkende Behandlung zu verändern oder abzusetzen.

Welche Fragen die Forschung noch beantworten muss

Die bisherigen Untersuchungen liefern Hinweise auf biologische Zusammenhänge, aber noch keine ausreichende Grundlage für neue Behandlungsempfehlungen.

  1. Zunächst muss geklärt werden, ob Veränderungen des Darmmikrobioms tatsächlich zur Entstehung oder zum Fortschreiten eines Glaukoms beitragen. Dafür sind größere Untersuchungen erforderlich, die Betroffene über längere Zeit begleiten. Dabei müssen Faktoren wie Alter, Ernährung, Begleiterkrankungen, Medikamente und unterschiedliche Glaukomformen berücksichtigt werden.
  2. Besonders wichtig ist die Frage, ob Veränderungen der Darmflora bereits vor der Entstehung eines Glaukoms nachweisbar sind oder erst im Verlauf der Erkrankung auftreten.
  3. Auch die experimentell beschriebenen Immunmechanismen müssen beim Menschen genauer untersucht werden. Sollte sich bestätigen, dass bestimmte Entzündungsreaktionen die Schädigung retinaler Ganglienzellen verstärken, könnten daraus zusätzliche therapeutische Ansätze entstehen. Denkbar wären beispielsweise Wirkstoffe, die schädliche Immunreaktionen gezielt begrenzen oder die Widerstandsfähigkeit der Nervenzellen erhöhen. Solche Verfahren müssten jedoch in kontrollierten klinischen Studien geprüft werden.
  4. Entscheidend wäre dabei nicht allein, ob sich Entzündungsmarker, die Zusammensetzung der Darmflora oder anatomische Messwerte verändern. Ausschlaggebend wäre vielmehr, ob Betroffene ihre Sehfähigkeit länger erhalten, Gesichtsfeldverluste verlangsamt werden und sich daraus ein tatsächlicher Nutzen im Alltag ergibt. Gleichzeitig müssten mögliche unerwünschte Wirkungen sorgfältig untersucht werden. Eingriffe in das Immunsystem oder das Darmmikrobiom können Auswirkungen auf zahlreiche Vorgänge im Körper haben.

Fazit: Neue Einblicke in die Entstehung des Glaukoms

Die Forschung zur Verbindung zwischen Darm, Immunsystem und Auge erweitert das wissenschaftliche Verständnis des Glaukoms.

Untersuchungen an Menschen zeigen mögliche Zusammenhänge zwischen bestimmten Darmbakterien, ihren Stoffwechselprodukten und Merkmalen der Erkrankung. Experimente mit Mäusen liefern Hinweise darauf, dass Immunreaktionen und entzündliche Prozesse zur Schädigung retinaler Nervenzellen beitragen können. Die Befunde sind jedoch nicht durchgehend bestätigt. Insbesondere die unterschiedlichen Ergebnisse unabhängiger Untersuchungsgruppen und die teilweise kleinen Teilnehmerzahlen begrenzen ihre Aussagekraft. Bislang ist nicht bewiesen, dass eine veränderte Darmflora ein Glaukom verursacht. Ebenso wenig gibt es einen ausreichenden klinischen Nachweis dafür, dass sich die Erkrankung durch Ernährung, Probiotika oder gezielte Eingriffe in das Darmmikrobiom behandeln lässt. Für Betroffene bleibt deshalb die wichtigste Konsequenz, die bewährte augenärztliche Behandlung konsequent fortzusetzen.

Die Senkung des Augeninnendrucks, regelmäßige Verlaufskontrollen und eine individuell angepasste Therapie bilden weiterhin die Grundlage, um das Sehvermögen möglichst lange zu erhalten. Die Darm-Augen-Forschung könnte künftig zusätzliche Möglichkeiten eröffnen, den Sehnerv zu schützen. Ob daraus tatsächlich wirksame und sichere Behandlungen entstehen, müssen weitere klinische Studien zeigen.


Quellenverzeichnis

[1] Songel-Sanchis B, Morales-Fernández L, García-Bardera J, et al. (2026). The Ocular and Gut Microbiome Axis in Understanding Glaucoma: A Systematic Review. Journal of Clinical Medicine, 15(3), 1245.
https://doi.org/10.3390/jcm15031245

[2] Vergroesen JE, Jarrar ZA, Weiss S, et al. (2024). Glaucoma Patients Have a Lower Abundance of Butyrate-Producing Taxa in the Gut. Investigative Ophthalmology & Visual Science, 65(2), 7.
https://doi.org/10.1167/iovs.65.2.7

[3] Chen H, Cho KS, Vu THK, et al. (2018). Commensal microflora-induced T cell responses mediate progressive neurodegeneration in glaucoma. Nature Communications, 9, 3209.
https://doi.org/10.1038/s41467-018-05681-9

[4] Chen H, Cho KS, Vu THK, et al. (2018). Author Correction: Commensal microflora-induced T cell responses mediate progressive neurodegeneration in glaucoma. Nature Communications, 9, 3914.
https://doi.org/10.1038/s41467-018-06428-2

[5] Wang N, Sun C, Yang Y, et al. (2025). Gut microbiota-derived indoleacetic acid attenuates neuroinflammation and neurodegeneration in glaucoma through ahr/rage pathway. Journal of Neuroinflammation, 22, 179.
https://doi.org/10.1186/s12974-025-03505-4

[6] Pazos M, Traverso CE, Viswanathan A, et al.; European Glaucoma Society (2025). European Glaucoma Society – Terminology and guidelines for glaucoma, 6th Edition. British Journal of Ophthalmology, 109, Supplement 1.
https://bjo.bmj.com/content/109/Suppl_1

Redaktioneller Prüfvermerk – Stand: 23. Oktober 2026
Dieser Artikel ist ein update bzw. eine Ergänzung zum Artikel:
https://augenlicht.de/medizin/darm-mikrobiom-glaukom-2/

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