Forschung: Nicht-invasiver Sehtest für Netzhauterkrankungen
Ein Trick aus der Quantenoptik macht ein seltenes Augenphänomen sichtbar – und damit vielleicht zum Sehtest**
Wer schon einmal in den blauen Himmel geblinzelt hat, kennt vielleicht ein flüchtiges, schleifenförmiges Muster am Rand des Blickfelds. Dieses Phänomen, benannt nach seinem Entdecker Boehm, entsteht dadurch, dass polarisiertes Licht – Licht, dessen Wellen in einer bestimmten Richtung schwingen – an feinen Strukturen der Netzhaut gestreut wird. Menschen mit Netzhauterkrankungen nehmen dieses Muster Studien zufolge schlechter wahr, weshalb Forscher es seit Langem als möglichen Frühwarn-Indikator für die Augengesundheit im Blick haben. Das Problem: Selbst bei gesunden Augen ist das Muster meist zu schwach, um es zuverlässig zu nutzen.
Ein Team um Dusan Sarenac, Physiker an der University at Buffalo, hat gemeinsam mit der School of Optometry der University of Waterloo nun einen Weg gefunden, das Muster deutlich sichtbarer zu machen. Die Forscher griffen dafür auf eine Technik aus der Quantenoptik zurück: gezielt geformtes, sogenanntes strukturiertes Licht, bei dem nicht nur die Polarisation, sondern auch die räumliche Struktur des Lichtstrahls präzise kontrolliert wird. In Versuchen mit rund einem Dutzend gesunder Probanden verwandelte dieses Licht die ursprünglich schwachen, zweilappigen Schleifenmuster in hellere, klar erkennbare Muster mit einer variablen Anzahl von „Blättern“. Die Teilnehmer blickten dabei durch einen Aufbau, wie er auch bei einer gewöhnlichen Augenuntersuchung zum Einsatz kommt, und gaben Rückmeldung zu dem, was sie sahen; ein automatisches System passte den Kontrast fortlaufend an, um für jede Person die genaue Wahrnehmungsschwelle zu bestimmen.
Eine frühere, technisch verwandte Vorarbeit derselben Gruppe lieferte bereits ergänzende Messwerte: Bei elf Teilnehmern nahm die Empfindlichkeit für das Muster mit zunehmendem Abstand vom Zentrum des Blickfelds gleichmäßig ab – ein Befund, der zur Erklärung passt, dass das Signal durch Lichtstreuung in den äußeren Bereichen der Netzhaut entsteht. Das unterscheidet es vom verwandten, bekannteren Haidinger-Büschel, das im Zentrum des Blickfelds durch Lichtabsorption in der Makula sichtbar wird.
Als Nächstes wollen die Forscher die Methode an Menschen mit tatsächlichen Netzhauterkrankungen testen, um zu prüfen, ob geschädigte Netzhautbereiche das Muster verändern oder verschwinden lassen. Bestätigt sich das, könnte daraus langfristig ein einfacher, nichtinvasiver Sehtest zur Früherkennung von Netzhauterkrankungen entstehen.
Quellen:
- Pressemitteilung University at Buffalo, 9. Juli 2026, buffalo.edu/news
- Studie veröffentlicht am 9. Juli 2026 in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS)
- Preprint: „Topological Expansion of Boehm’s Brushes via Structured Light“, arXiv:2511.01841, November 2025


