Online: SightCity Forum exzellent

2. Interdisziplinärer Fachtag SightCity Forum Beirat online, 29.05.2020

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Der SightCity Forum Beirat möchte mit dem jährlich stattfindenden Fachtag den Weg für Versorgungsforschung der Augenheilkunde, Rehabilitation und Bildung für Menschen mit Sehbehinderung und Blindheit bereiten.

Der interdisziplinäre Fachtag ist dem SightCity Forum angegliedert und fand durch die Covid-19 Pandemie in diesem Jahr als virtuelles Treffen statt. ACTO e. V. hatte als Veranstalter zu einem digitalen Meeting in Form einer kombinierten Video/-Telefonkonferenz eingeladen. Gefördert wurde die Veranstaltung durch die Paul und Charlotte Kniese-Stiftung und der Marga und Walter Boll-Stiftung.

Teilnehmer verschiedener Professionen haben die momentane Beratungssituation unterschiedlicher Fachstellen kritisch betrachtet. Erhalten blinde und sehbehinderte Menschen ein multiprofessionelles Angebot, dass sich auf ihre individuelle Lebenssituation auswirkt? Existiert ein systematisches bedarfsorientiertes Beratungs- und Unterstützungsangebot, das sowohl medizinisch-optische, wie auch rehabilitative und psychosoziale Fragestellungen berücksichtigt? Betrachtet wurde auch, ob die Finanzierung der Beratung und Rehabilitation bei Menschen mit einer Sehbehinderung und Blindheit den anderen Gesundheitsbereichen gleich gestellt und im medizinischen Kontext von akuter und chronischer Krankheitsversorgung verordnungswürdig ist. Es wurden Vergleiche zur Reha nach einem Schlaganfall und zur orthopädischen Reha gezogen. Für die Akzeptanz blinder und sehbehinderter Menschen, sowohl gesellschaftlich als auch sozialpolitisch ist es notwendig, dass die Kostenträger auch die Reha in der Augenheilkunde gleichwertig zu anderen etablierten Rehabilitationen als notwendiges Behandlungskonzept sehen. Als Vorbild in der gesellschaftlichen Wahrnehmung sollte die Alzheimer Gesellschaft betrachtet werden.

Durch den Fachtag moderierten Prof. Dr. med. Dr. h.c. Norbert Schrage und Sabine Kampmann, beide ACTO e. V.. Es fanden zwei Sessions mit unterschiedlichen Schwerpunkten statt. An dieser Stelle möchten wir uns bei den Referentinnen und Referenten bedanken, die sich der digitalisierten Form gestellt und die Beiträge professionell vorbereitet und gehalten haben.

65 Teilnehmer m/w/d aus unterschiedlichsten Professionen nahmen teil: Augenärzte, Rehafachkräfte für Orientierung und Mobilität (O&M) und lebenspraktischen Fähigkeiten (LPF), Orthoptistinnen, Optometrist*innen, Vertreter der Selbsthilfe, Ingenieure, Betriebswissenschaftler, Alternsforscher, Rehawissenschaftler, Ergänzende Unabhängige Teilhabe Berater (EUTB‘s), Mitarbeiter der Berufsförderungs- und Berufsbildungswerke und Vertreter der Industrie.

Zu Beginn des Fachtages stellten sich die Förderer kurz vor:

Dr. Dirk Eisolt, Vorstand der Paul und Charlotte Kniese-Stiftung begrüßte die Teilnehmer*innen und bedankte sich für das hohe Interesse dieses Fachtages. Anschließend stellte er die Stiftung vor: Gegründet wurde die Paul und Charlotte Kniese-Stiftung mit Sitz in Berlin im Dezember 1965 und geht auf die Eheleute Paul und Charlotte Kniese zurück. Zweck der gemeinnützigen Stiftung ist die Unterstützung der Blindenfürsorge und einzelner Blinder sowie die Förderung von Wissenschaft und Forschung auf dem Gebiet der Augenheilkunde. Aus den Mitteln der Stiftung werden Maßnahmen der Blinden-und Sehbehindertenförderung finanziert. Mit Unterstützung der Stiftung entstanden verschiedene Einrichtungen für blinde und sehbehinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die das Wohlergehen dieser Menschen fördern. So auch das stiftungseigene Kniesehaus in Berlin-Steglitz, einem Alten- und Pflegeheim für sehbehinderte und blinde Menschen. Darüber hinaus unterstützt die Stiftung bundesweit verschiedene Großprojekte zur Förderung blinder und sehbehinderter Kinder, Jugendlicher und Erwachsener. Dr. Eisolt wünschte dem Fachtag ein zielführendes Ergebnis und bekundete sein Interesse daran, auch weiterhin über den Fachtag hinaus informiert zu werden.

Tanja Ahrendt, Assistentin des Vorstandes der Marga und Walter Boll-Stiftung begrüßte die Teilnehmer und Referenten und gab Einblick in die Stiftung. Die Marga und Walter Boll-Stiftung, mit Sitz in Kerpen-Sindorf wurde 1995 gegründet und ist eine gemeinnützige, rechtlich selbstständige Stiftung des privaten Rechts. Zweck der Stiftung ist die Förderung der Wissenschaft & Forschung sowie der Förderung sozialer Zwecke & Einrichtungen. Sie fördert bedarfsorientiert zum Wohle des Menschen. Durch ihre Beteiligung an dem Kerpener Unternehmen Boll & Kirch Filterbau GmbH hat die Stiftung einen starken regionalen Bezug und fühlt sich der Stärkung des Standortes Kerpen insbesondere durch die Förderung sozialer Einrichtungen und Maßnahmen verpflichtet. Frau Ahrendt wünschte an dieser Stelle eine erfolgreiche Tagung und möchte auch weiterhin mit den Verantwortlichen im Gespräch bleiben, da sie den interdisziplinären Ansatz für die Belange blinder und sehbehinderter Menschen jeden Alters für ein wichtiges gesellschaftliches und sozialpolitisches Thema auch in Zukunft sieht.

In der ersten Session wurden die Bausteine der multiprofessionellen Versorgung sehbehinderter und blinder Rehabilitanden vorgestellt. Moderiert wurde die Fragestellung „Gibt es ausreichende Versorgungsstrukturen im Bereich der medizinisch und beruflichen Rehabilitation von blinden und sehbehinderten Menschen?“ von Prof. Dr. habil. Kathleen Kunert von der REGIOMED REHA-Klinik Masserberg und Prof. Dr. Klaus Rohrschneider von der Universitäts-Augenklinik Heidelberg.

Prof. Klaus Rohrschneider stellte in seinem Vortrag die Arbeit der Sehbehindertenambulanz in Heidelberg vor. Als Herausforderungen seiner Arbeit sieht er die Erreichbarkeiten von Sehbehindertenambulanzen, die bisher in viel zu geringer Anzahl deutschlandweit agieren sowie die Kommunikation mit anderen Berufsgruppen, Leistungsträgern und Organisationen. Hier fehlt die Anerkennung und Vergütung der Beratungsleistungen und integrativer Leistungen zur Bewältigung bei Sehbehinderung und Blindheit. Dies wäre eine wesentliche Voraussetzung für verschiedene Kostenträger sowie eine Rehabilitation über die isolierte Verordnung von Hilfsmittelversorgung hinweg.  

 

Den Mehrwert der ophthalmologisch-visuellen Rehabilitation im stationären Setting erläuterten anschließend Prof. Kathleen Kunert und Oliver Kolbe, beide REGIOMED REHA-Klinik Masserberg, anhand eines Fallbeispiels. Sie stellten die Doppelfunktion des interdisziplinären Reha-Teams als Behandler und Beurteiler und die primären und sekundären Ziele der Rehabilitation vor. Die Vorteile des stationären Reha-Settings wie das multiprofessionelle Team mit kurzen Dienst- und Entscheidungswegen, die Entlastung des Haushaltes, die multimodale Nachsorge, Motivation und Perspektive, die kontinuierliche ophthalmologische und internistische Betreuung vor Ort und die Rehabilitation im geschützten Raum mit „Rundum“-Fürsorge gerade für plötzlich erblindete Menschen wurden hervorgehoben.  

Das Modellprojekt „Rundblick“, die medizinisch beruflich orientierte Rehabilitation (MBOR) bei akuter oder drohender Erblindung stellten Inés Frege und Helen Weber, beide salus Kliniken Hürth, vor. In Kooperation mit dem Berufsförderungswerk (BFW) in Düren und einer konsiliarischen augenärztlichen Betreuung durch die Klinken der Stadt Köln, Augenklinik Merheim, kommen von akuter oder drohender Erblindung betroffene Rehabilitanden in die salus Kliniken und erhalten hier sowohl eine psycho-soziale Aufarbeitung der Erkrankung als auch eine Perspektive für die berufliche Zukunft. 

Anschließend stellten Dr. Inge Jansen, BFW Düren und André Kunnig, BFW Halle die Perspektiven der beruflichen Rehabilitation für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen vor. Zahlreiche Dienstleister ermöglichen vielfältige Versorgungsstrukturen zwischen Erstausbildung und beruflicher Rehabilitation, welche jedoch nicht immer leicht überschaubar sind. Die Berufsförderungswerke agieren auch jenseits ihrer traditionellen Standorte überregional mithilfe von Vor-Ort-Beratungen, Außenstellen und Kooperationen. Ein RehaAssessment ist häufig Weichensteller und Hilfe zur Entscheidungsfindung und ebnet den Weg für Hilfen zum Arbeitsplatzerhalt bis hin zu Ausbildungen in moderne Berufe, welche sich am aktuellen Arbeitsmarkt und regulären Abschlüssen (beispielsweise IHK) orientieren. Aufgrund der besonderen Bedarfe erwachsener Menschen mit Sehbeeinträchtigungen bieten Berufsförderungswerke viele besondere Hilfen, wie Orientierungs- und Mobilitätstraining, LPF-Training sowie psychologische und ärztliche Unterstützung. Aktuelle Herausforderungen bestehen in zunehmend externen Anforderungen durch Leistungsträger, den langen Wegen, bis Interessenten adäquate Hilfe finden und dem zunehmenden Wunsch Betroffener nach regionalen Angeboten.

 

In der folgenden Diskussion wurde die Wichtigkeit einer Rehabilitation für blinde und sehbehinderte Menschen jeden Alters herausgestellt. Ältere Menschen sollten nicht vergessen und Angehörige in eine Rehabilitation mit einbezogen werden. Erfolgreiche soziale Teilhabe für von Sehbehinderung oder Erblindung betroffene Menschen kann über das Bundesteilhabegesetz für soziale Teilhabe gelingen.

In der zweiten Session wurde die Qualitätsgesicherte Beratung durch anerkannte Beratungsstellen vorgestellt und diskutiert.

Dieser Themenblock befasste sich mit den Mindeststandards für Beratungen und ob diese qualitativ abgesichert sind. Die Moderation wurde von Prof. Dr. phil. Ines Himmelsbach, Professorin für Soziale Gerontologie an der Katholischen Hochschule in Freiburg, übernommen. In ihrem Einführungsvortrag „Auf dem Weg zu einer Versorgungslandkarte- Erste Erfahrungen und Ergebnisse bisheriger Projekte“ erläuterte sie den Hintergrund, die Vorprojekte und die sich daraus ergebenden offenen Fragen und gab einen Ausblick. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels wächst die Gruppe der Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung und wird zunehmend ein Alternsthema. Die Versorgungslandschaft insbesondere für ältere Menschen mit Sehbeeinträchtigung ist nicht flächendeckend gewährleistet. Ein erworbener Sehverlust im Alter schränkt verschiedene Lebensbereiche im Vergleich zu normalsehenden älteren Menschen ein. Der Verlust von Alltagskompetenzen, das subjektive Wohlbefinden und eine erhöhte Depressivität können oft eine Folge davon sein. Dieses verunsichert nicht nur die Betroffenen Menschen selbst, sondern auch die Angehörigen und Freunde führen dieses nicht auf eine Sehbeeinträchtigung zurück.

Herausforderungen eines ‚kleinen‘ Projektes waren u. a. die Schwierigkeit der Online-Befragung aufgrund hoher Ehrenamtsrate und eigener Betroffenheit. Teile von Beratungsleistungen (medizinisch, rehabezogen) konnten in diesem Projekt nicht erfasst werden. Fachliche Anregungen sind u.a. Beratungskonzepte für ältere Sehbehinderte oder Blinde Menschen vom inhaltlichen Umfang noch weiter zu entwickeln, Integration weiterer Themen des hohen Alterns in die Beratung mit einzubeziehen und Fragen nach Interventionen beim gleichzeitigen Auftreten von sensorischen und kognitiven Einbußen.

Die Qualitätsgesicherte Beratung durch die Selbsthilfe anhand des Angebotes „Blickpunkt Auge Rat und Hilfe bei Sehverlust“ vom Deutschen Blinden und Sehbehindertenverband (DBSV) stellte Angelika Ostrowski vor. Seit 10 Jahren gibt es Blickpunkt Auge und es ist ein bundesweites, qualitätsgesichertes Beratungs- und Unterstützungsangebot des DBSV und seiner Landesorganisationen. Der Kern des Angebotes ist die Beratung sowohl stationär als auch mobil. Beraten wird zu allen Themen rund um Sehbehinderung und Blindheit, inkl. beruflicher und sozialer Teilhabe. Es besteht ein interdisziplinäres Netzwerk, welches Ratsuchende nutzen können. Zur Qualitätssicherung wurden Grundsätze, Mindeststandards und ein Konzept der Beraterausbildung erarbeitet.

Zum Schluss der zweiten Session wurden die Ergebnisse des Projektes „Von der Ophthalmologischen Rehabilitation zur beruflichen Teilhabe“, kurz der ORELTA Studie, ein Wegweiser für die Versorgung von blinden und sehbehinderten Menschen, durch Prof. em. Ernst von Kardorff, Institut für Rehabilitationswissenschaften, Humboldt Universität zu Berlin vorgestellt. In diesem viele der Vordiskussionen noch einmal wissenschaftlich zusammenfassenden Referat wurden die Ergebnisse und Schlüsse aus der ORELTA Studie zusammengefasst. Die wunderbare Synthese dieser Studie offenbart die Versorgungslücken in der derzeitigen Sozialgesetzgebung bzw. im gelebten Versorgungsalltag. Insbesondere die Verlagerung von Problemen auf sektorale Grenzen zwischen Krankenversicherung, Rentenversicherung und Arbeitsagenturen verursacht viele der ungelösten Probleme von sehbehinderten und erblindeten Menschen. Hier besteht ein Auftrag sowohl individuelle als auch übergeordnete Problemlösungen und gleichzeitig Finanzierungsmöglichkeiten zu finden, die den universellen Behandlungs- und Rehabilitationsauftrag der einzelnen Sektoren zugeordnet sind. Hier sollten sich die o. g. Träger an einen Tisch setzen und konzeptionell an Behandlungs- und Rehabilitationsmöglichkeiten arbeiten. Damit ließen sich die Probleme der Betroffenen lösen, gesellschaftlich die Beste Re-Integration erzielen und viele persönliche Enttäuschungen und Misserfolge der Betroffenen verhindern.

Als Fazit konnte der Fachtag die sozialpolitische Brisanz der Versorgung von Sehbehinderten und Blinden in den Mittelpunkt stellen, die Schnittstellenproblematik und die Wertschätzung der Versorgung fokussieren. Damit sind die wissenschaftlichen Fragen der Versorgungsforschung definiert und die politischen Forderungen nach Koordination und flächendeckender Beratung und Hilfestellung für verschiedene Teilbereiche aus einer Gesamtsicht angehbar. Dazu wird ein erster interdisziplinärer Fachkongress im Anschluss an die SightCity 2021 stattfinden.

Autorenteam: Sabine Kampmann, Prof. Norbert Schrage, Beatrix Seeliger