Corona: Medizintechnik leidet

Einige Wochen nach dem Lockdown und den ersten Lockerungen der Beschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie hat sich die Stimmung in der Medizintechnikindustrie zwar etwas verbessert, angesichts einer besorgniserregenden Auftragsentwicklung blickt ein Großteil der Firmen aber weiterhin mit Sorge auf das laufende Jahr. Die zweite Umfrage des Deutschen Industrieverbandes SPECTARIS und des Branchenclusters MedicalMountains innerhalb von drei Monaten zur wirtschaftlichen Situation der Medizintechnikunternehmen Deutschlands bestätigt die im April geäußerten Befürchtungen. Auch im Juni erwarteten die Unternehmen im Durchschnitt noch ein Umsatzminus für das Jahr 2020 von insgesamt acht Prozent, darunter zwölf Prozent im Auslandsgeschäft – was angesichts einer Exportquote von zuletzt 65 Prozent besonders bedenklich ist.

Es gibt in der Branche zwar auch Unternehmen, deren Erwartungen für das laufende Jahr insbesondere wegen der zurückliegenden Wochen und Monate positiv ausfallen: Hersteller von Beatmungsgeräten und Intensivbetten zum Beispiel. Doch deren Zuversicht repräsentiert nicht das Gesamtbild der Branche. „Die Medizintechnik leidet wie andere Branchen weiterhin massiv unter den Folgen der Coronakrise. Die Auftrags- und Umsatzsteigerungen einiger Unternehmen können die Rückgänge der Mehrheit nicht kompensieren“, erklärt Dr. Martin Leonhard, Vorsitzender der Medizintechnik bei SPECTARIS. 75 Prozent der Unternehmen geben an, mit einem Umsatzrückgang in diesem Jahr kalkulieren zu müssen, knapp 60 Prozent erwarten ein zweistelliges Minus gegenüber dem Vorjahr.

Die beiden Geschäftsführerinnen von MedicalMountains, Yvonne Glienke und Julia Steckeler, bekommen derzeit hautnah mit, wie schwierig es ist, die wirtschaftliche Lage der Medizintechnik zu stabilisieren. 51 Prozent der Unternehmen nutzten auch im Juni noch die Möglichkeit der Kurzarbeit und nahezu jedes fünfte (18 %) benötigt Zuschüsse und Soforthilfen. „Die Maßnahmen der Bundesregierung sind auch mittelfristig noch sehr wichtig. Man muss sich nur einmal die Situation der Krankenhäuser ansehen, wo viele Operationen verschoben wurden und etliche Patienten zuletzt nicht aufgenommen werden konnten“, meinen Glienke und Steckeler. Nicht besser sieht es zum Beispiel im Bereich der Orthopädietechnik aus, wo zuletzt aufgrund der Kontaktbeschränkungen unter anderem kaum Rollstühle oder Orthesen angepasst werden konnten.  

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Die beiden Beispiele erklären, warum insgesamt 68 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftslage als verschlechtert darstellen: das sind noch einmal zwei Prozentpunkte mehr als im April. Und auch die Zahl der Betriebe und Konzerne, die eine deutlich verringerte Nachfrage beklagen, ist in den vergangenen drei Monaten von 61 auf 64 Prozent noch größer geworden. Obwohl die logistischen Engpässe und gestörten Lieferketten der Umfrage zufolge derzeit nicht mehr so stark ins Gewicht fallen wie noch vor einem Vierteljahr, sind die meisten Unternehmen ohne weitere staatliche Unterstützungen und ohne eine gravierende Verbesserung der Rahmenbedingungen offensichtlich kaum in der Lage, ihre Situation entscheidend zu verbessern. „In Anbetracht der zunehmenden Bedeutung der Medizintechnik und der bewährten Stärken der hiesigen Medizintechnikindustrie, müssen Wirtschaft und Politik gemeinsam nach vorne blicken und an einem Strang ziehen. Alle Medtech-Unternehmen, unabhängig ihrer Größe, müssen unterstützt werden, damit sie möglichst unbeschadet durch die Krise kommen. Nur so kann nachhaltig sichergestellt werden, dass deutsche Medizintechnikunternehmen auch zukünftig zur Weltspitze zählen“, so Leonhard abschließend.