Das erste Editorial seit langer Zeit

Liebe Leserinnen. Liebe Leser. Als ich im Dezember 2019 Augenlicht Vison zweieinhalb Jahre nach der Aufgabe meiner Herausgeber- und Verlegertätigkeiten wieder übernahm, war ich mir überhaupt nicht sicher, was ich machen und wie ich das schaffen sollte. Ich hatte noch gehofft, der neue Verlag würde es sich anders überlegen, verfügte er doch über beste Strukturen, ein solch schönes Magazin wie Augenlicht Vision erfolgreich in die Zukunft zu führen. Man hatte sich auch bemüht. Aber dieses im Grunde einmalige Magazin mit den besonderen Themen und den aufgefächerten Zielgruppen, gekoppelt mit nicht aussichtsreichen Umsatzhorizonten braucht einfach Herz und persönlichen Einsatz über das normale Maß hinaus.

Ich erinnere mich an die Zeit, als ich es aus der Taufe hob. 1994 – damals gab es kaum spezialisierte Gesundheitsmagazine für ärztliche Wartezimmer. Es war die Zeit des beginnenden Umbruchs im Gesundheitswesen. Das Gesundheitstrukturgesetz, verbunden mit dem Namen Seehofer, war gerade ein Jahr her. Die Einführung der Budgetierung, erhöhte Zuzahlungen für Medikamente, für Zahnersatz und Heilmittel sowie für die Krankenhausbehandlung sind hier nur Stichworte. Da war die Idee, unsere Fachredaktionkompetenzen in der Augenheilkunde und Augenoptik für die Patienten und Kunden zur Verfügung zu stellen. Das war absolut neu. Aber auch riskant, weil die Berufsgruppen der Augenoptiker und Augenärzte damals einander nicht gerade zugetan waren. Es gab zudem auch noch kein Internet. Ich war 38, seit zwei Jahren selbstständiger Verleger und voller Tatendrang.

Heute sieht die Welt anders aus. Nicht nur, dass ich jetzt bald 64 werde und der wirtschaftliche Tatendrang naturgegeben etwas abgeschwächt ist. Auch hat sich die verlegerische Welt des Magazins sehr stark verändert. Einerseits durch die Technologie des world-wide-web (www), aber auch durch die Ökonomisierung des Gesundheitswesens, zu dem einst auch die Augenoptik gehörte.

Das Internet hat im Grunde alle Information frei gegeben, sodass heute fast alles auch kostenlos zu finden ist, wenn man versteht entsprechend zu recherchieren. Getrieben wurde dieser Trend durch neue Informationskanäle und -möglichkeiten, die 1994 nicht einmal im Ansatz denkbar waren. Nur muss man auch fähig sein, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Denn klar ist: im Internet kursieren jede Menge Informationsmüll und Falschmeldungen, die niemand für Sie aufräumt. Die Gefahr geht besonders von Quellen aus, die scheinbar seriös auftreten. Manchmal steht hinter einem objektiv daherkommenden Informationsportal ein Industrieunternehmen, das letztlich nichts anderes betreibt als geschickte Public Relations. In dem Fall können Sie davon ausgehen, dass Sie selten etwas Gutes darüber lesen werden, was von Konkurrenzunternehmen entwickelt bzw. angeboten wird. Die wiederum verfügen aber ebenso über entsprechende Portale. Da beißt die Maus keinen Faden ab.

Die Aufgabe für Medizin-Jornalisten bei Augenlicht Vision besteht darin, dies alles für Sie zu sichten und nach Prüfung die relevanten Möglichkeiten und Chancen aufzuzeigen. Im Gegensatz zu unseren Leserinnen und Lesern haben wir nicht nur die entsprechende Zeit dafür, sondern auch den Blick darauf geschult.

Ebenfalls verändert haben sich die Ärzte. Ich erinnere mich an einen Vortrag, den ich zum Thema Ökonomisierung der Arztwelt vor vielen Jahren beim Hartmann-Bund in Malente hielt. Damals schlug mir angesichts dieses Gedanken der Unwille der gesamten Zuhörerschaft entgegen. Dass Geld einmal mit zum Steuerungsmedium des Medizinsektors werden würde, war damals sozusagen eine unmoralische These.

Doch die Politik der letzten Jahre hat das Gesundheitswesen in ein Konkurrenzdenken gezwungen, das Krankheit zur Ware hat werden lassen. Ärzte bekamen ein ökonomisches update ihres Selbstverständnisses aufgezwungen. Sie sollten sich von nun an als Unternehmer fühlen und so agieren. In Krankenhäusern wurden solche Ärzte als Klinikchefs abgesägt, die aus medizinischen Gesichtspunkten entschieden. Ersetzt wurden sie durch clevere Ökonomen, die dem Deckungsbeitrag zugetan waren und Operationssäle teilweise zu Profitcentern umbauten. Es ging und geht sogar soweit, dass gestandene Chefärzte sich vor smarten Jungmanagern erklären mussten und müssen, warum sie nicht noch mehr lasern oder Katarakte operieren.

In der Augenoptik war es kaum anders: Das Gesundheitsprodukt Brille bzw. Brillenglas flog irgendwann als Krankenkassenleistung aus dem System. Ein klassisches Gesundheitshandwerk wurde zum Handel umgebaut. Der Augenoptiker durfte nicht mehr abgeben, sondern musste lernen immer schneller daherkommende Scheininnovationen zu verkaufen. Das ehemalige Handwerk, das die Dinge um ihrer selbst willen gut machen wollte, starb aufgrund des immer größer werdenden Konkurrenzdrucks durch Filialisten einerseits. Andererseits veränderten Fassungsindustrie und Glasindustrie ihre Produktions- und Absatzweise, sodass Sonderanfertigungen, für die das Handwerk originär geschaffen ist, nicht mehr zur Verfügung standen. Heute werden Brillen auf der einen Seite quasi verscherbelt, auf der anderen zu Mondpreisen angeboten. Da blickt man kaum noch durch – besonders bei der Gleitsichtbrille. Manche Augenoptiker, die die Nase voll haben, suchen ihre Berufsstandsrettung in der Optometrie, wollen eher Patienten statt Kunden bedienen.

Aber ich bin mir sicher, dass sich das bald wieder ändern wird. Der Ausverkauf an Werten ist bald beendet. Die gegenwärtige Krise zeigt, dass Ärzte keine Unternehmer sind, sonst würden sie sich nicht der Gefahr aussetzen, Menschen unter dem Einsatz des eigenen Lebens zu behandeln. Auch Augenoptiker merken, dass sie als Händler ganz schnell abgeschaltet werden können und nur noch Notdienste anbieten dürfen. Das ist nicht gut – für niemanden.

Ich freue mich darauf, mit unserem Magazin Augenlicht Vision an dieser Richtungsänderung teilzuhaben. Ja, ich bin nun schon älter und habe hoffentlich die Ruhe, nicht auf jeden Zug springen zu müssen. Zwar können wir als Journalisten nichts ändern, aber wir können in die Welten des Sehens hineinschauen und ausgewogene Berichterstattung bringen.

Ich hoffe, Sie begleiten uns wie eh und je und so wünsche ich Ihnen an dieser Stelle alles Gute für Ihr Sehen.

Ihr Heinz Jürgen Höninger