#Kommentar: Es gibt kein Optiker-Sterben

Wieder einmal geht das Gespenst vom Optiker-Sterben um. Diese Kunde von BR24 (1) ist wohl kein Ergebnis eigener journalistischer Recherche, sondern die Journalisten geben nur das wieder, was die Institutionen der Augenoptik-Branche seit Jahren in Presse-News publizieren.

Schreiben wir vom Sterben der Töne, wenn bestimmte Noten in einer Komposition verklingen oder in einem Akkord aufgehen? Und auch die Brillenbranche ist in der Summe nichts anderes als ein Akkord aus dem Zusammenklang vieler Stimmen, die verschiedene Funktionen haben: klassische Fachgeschäfte, Klein- und Großfilialisten, Drogerien, Internetoptiker und auch Hersteller, die mit Stores selbst zum Endverbraucher gehen.

Das beste Jahr der Dekade

Und die Gesamtmusik der Branche klingt nicht aus, sondern – bleiben wir im Bild – bietet ein Crescendo, ein Anschwellen des schönen Klangs steigender Umsätze. Schließlich ließ der Industrieverband jüngst verlauten, 2019 sei das beste Jahr der Dekade gewesen (2).

Weiter liest man bei BR24, die traditionelle Augenoptik stünde unter Druck, weil ein Viertel der Betriebsinhaber über 60 sei und zudem nur noch gut gehende Geschäfte Käufer finden würden. Geht man aber in die Statistiken der Branche, so sieht man auch hier: die Umsätze und die Mitarbeiter der augenoptischen Fachgeschäfte haben in der Summe zugelegt (3). Sicher, das Wachstum treiben die Filialisten, aber auch die Kleineren, die von den steigenden Preisen profitieren. Sie verkaufen weniger, aber das dann teurer. Doch das heißt nicht, dass sie die Kunden über den Tisch ziehen, sondern meist ist das (hoffentlich) gekoppelt an zusätzlicher optometrische Dienstleistung. Denn die Technologien der modernen Gläser verlangen bessere Anpassung. Die Kunden können selbst feststellen, wenn über die Brille/Kontaktlinse hinaus noch Dienstleistung stattgefunden hat. Durch zwei Brillen, die aus gleicher Fassung und gleichen Gläsern bestehen, muss man nicht gleich gut durchsehen. Die Kompetenz des Anpassers macht den Unterschied aus.

Niemand schreibt: Augenärzte sterben aus. Die Augenheilkunde wandelt.

Zum Thema zurück: Nirgends liest man, Augenärzte stürben aus, weil auch dort ein Viertel der Praxisinhaber über 60 ist (4). Auch dort sind Praxisverkäufe schwieriger geworden und frei werdende Kassensitze gehen in größere Einheiten auf, z.B. in Medizinische Versorgungszentren. Insgesamt rechnet die Augenheilkunde Demographie-getrieben mit mehr Patienten bis 2030 (5). Und man kümmert sich um Nachwuchs. Aber nirgends liest man diese Ankündigungen des Sterbens (6).

In der Augenoptik liegt es nicht nur am Markt oder den Kunden, die ausbleiben bei den kleinen Fachgeschäften. Nein, es fehlen oft einfach junge Menschen, die sich in diesen Formen selbstständig machen wollen. Und das liegt vielfach an den neuen Werten wie Work-Life-Balance, dass z.B. der Feierabend mehr und mehr den eigenen Aktivitäten oder der Familie gehört. Der Arbeitsalltag eines Kleinselbstständigen ist nunmal nicht um 18.00 Uhr zu Ende – und auch das Engagement am Wochenende gehört oft dazu.

Optiker-Sterben? Der Augenoptik selbst geht es gut. Sie wächst und gedeiht schon deshalb, weil Deutschlands Bevölkerung immer älter wird und der Bedarf an augenoptischer und augenärztlicher Versorgung steigt. Wie die Versorgung sich strukturiert und koordiniert, ist eine andere Sache. Der richtige Begriff zur Beschreibung heißt also nicht Sterben, sondern Wandel. Dass die Vergangenheit sich just in der Gegenwart verabschiedet und nur noch als Erinnerung in die Zukunft hineinreicht, das ist das Leben.

Sicherlich werden wir auch in vielen Jahren noch kleine Augenoptikfachgeschäfte haben. Solange die etwas bieten, was die größeren Einheiten wie Filialisten und erst recht das Internet nicht bieten können: persönliche Nähe zum Kunden. 

Fazit: Es gibt kein Optiker-Sterben. Das Verbreiten dieser Nachricht ist ein im Hirn der Branche festsitzender Algorithmus, bei dem Gegenwart und die Zukunft ständig mit den beobachteten Größen der Vergangenheit vermessen wird. Das demotiviert junge Leute, die vielleicht darüber nachdenken, doch ein kleines Fachgeschäft zu übernehmen.

(1) https://www.br.de/nachrichten/wirtschaft/messe-praesentiert-die-brillentrends-fuer-2020,RnA4Wow
(2) https://augenlicht.de/augenoptische-industrie-2019-war-das-beste-jahr-der-dekade/
(3) https://www.zva.de/news/leichte-umsatzsteigerung-der-augenoptik
(4= https://gesundheitsdaten.kbv.de/cms/html/16397.php
(5) http://www.bundesverband-auge.de/neues-aus-der-wissenschaft-1/31-augenaerzte-erwarten-bis-zum-jahr-2030-rund-50-prozent-mehr-patienten
(6) 2006 hielt der Autor einen Vortrag zum Thema Wachstum der Augenoptikbranche. In 2005 prognostizierte der Verband der Augenoptiker ein Massensterben von Augenoptikfachgeschäften. Tatsächlich wurden es Jahr für Jahr mehr. Und auch seine damals noch kühn anmutende Prognose für einen 5-MRD-Markt der Augenoptiker wurde in der Realität längst übertroffen.

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