Köln – Wir müssen handeln

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Norbert Schrage ist Chefarzt an der Augenklinik Köln- Merheim und international anerkannter Experte. Er ist zudem Vorsitzender des Aachener Centrums für Technologietransfer in der Augenheilkunde e. V., kurz ACTO und Mitglied des Beirats von Augenlicht Vision.

Aktuell breitet sich das SARS-CoV 2 in Köln aus. Hier die Grundlage der Empfehlung vieler Hygieniker, warum wir das öffentliche Leben schnell und für 2 bis 3 Wochen komplett anders gestalten sollten. Die Empfehlung zum selbst Herstellen oder auch Nähen eines Mundschutzes, zum Waschen und den Hygienemaßnahmen halte ich für konkret und einfach umsetzbar. Lassen Sie uns gemeinsam starten,  konkret und effizient selbst das Heft des Handelns in die Hand nehmen. 

Argumentation

SARS CoVid hat derzeit einen R0-Wert von 2, d.h. ein Fall zieht 2 weitere nach sich und dies nach derzeit 2 Tagen, ergibt sich aufgrund der bislang nachgewiesenen 19 Fällen folgende Vorhersage für den weiteren Verlauf: 


nach NEJM Wie-Jie Guan et al.


Reproduktionszahl 2 = Verdopplung der Fälle


Verdopplung nach 2 Tagen


Anzahl detektierter Infizierter Anzahl auf Intensivstation (5%) Anzahl Tote (1,4%)
6.3. 19 1 0
8.3. 38 2 1
10.3. 76 4 1
12.3. 152 8 2
14.3. 304 15 4
15.3. 608 30 9
16.3. 1216 61 17
18.3. 2432 122 34
20.3. 4864 243 68
22.3. 9728 486 136
24.3. 19456 973 272

Die große Gefahr der jetzigen Epidemie sind die 5% beatmungspflichtige Patienten. Verdoppeln sich die Fälle in etwas längeren Intervallen, verschieben sich die Zahlen entsprechend etwas weiter in die Zukunft. Das heisst: Nur eine Verringerung der Reproduktionszahl macht einen wirklichen Effekt. Wenn wir so weitermachen, wie bislang, werden bei 1 Mio Einwohnern und nicht in Aussicht stehender Impfung ca. 70 % der Bevölkerung in kurzer Zeit betroffen sein, danach tritt ein immunologischer Herdenschutz für die verbleibenden 30% ein. Bis dahin werden dann in Köln 35.000 Bürger intensivpflichtig gewesen und 9800 an dieser Erkrankung verstorben sein.

Wir werden also in Köln in sehr kurzer Zeit an die Kapazitätsgrenze der medizinischen Versorgung geraten (wie wir es bereits vor längerem in  Wuhan und aktuell in Italien beobachten konnten). In Italien werden schon jetzt bei weitem nicht mehr alle schwer Erkrankten beatmet. Das heisst im Klartext: man lässt sie versterben. In sehr kurzer Zeit werden wir ohne Maßnahmen auch in Köln und dem Rest der Republik an diesen Punkt gelangen. Bei dem zu erwartenden Massenanfall von Infizierten wird auch unser „hervorragend“ vorbereitetes Gesundheitssystem in Deutschland sehr schnell an seine Leistungsgrenze kommen.

Die Reproduktionszahl und damit die Geschwindigkeit und auch überhaupt der Ausbruch lassen sich jedoch durch Hygienemaßnahmen sehr entscheidend beeinflussen:

  1. Wenn alle Kölner (und Bundesbürger) gleichzeitig ab jetzt ihre normalen sozialen Kontakte zwischen Gruppen (z.B. zwischen Familien, innerhalb von Familien wird es ohnehin übertragen) im Privatleben und im Berufsleben mehr als halbieren, reduziert sich die Reproduktionszahl auf unter 1; der Ausbruch käme dann nach ca. 14 Tagen in eine Phase des Abklingens. Durch die momentanen Empfehlungen des RKI zu Veranstaltungen und die Anordnung der Bezirksregierung Veranstaltungen abzusagen, haben die Veranstalter eine realistische Chance des wirtschaftlichen Überlebens. 
  2. Kinder erkranken nicht oder nur mild. Sie können den Erreger aber weiterverbreiten. Kindergemeinschaftseinrichtungen können also als Übertragungsstätten fungieren. Daher hat Japan alle Kindergärten und Schulen seit 2 Wochen geschlossen. Eine Schließung dieser Einrichtungen sollte rechtzeitig in die Bekämpfungsstrategie eingeschlossen werden. Ebenso eine Schließung von Nachmittagsveranstaltungen.
  1. Die Übertragung des Erregers läßt sich durch einfache Hygienemaßnahmen deutlich verringern:
  • Möglichst einen Abstand von 2 m zueinander einhalten (dieser Abstand ist so gut wie sicher, selbst, wenn ein Erkrankter jemanden anhustet)
  • Bei normalem Sprechkontakt scheint ein Abstand zueinander von gut 1m in nicht engen Räumlichkeiten auszureichen.
  • Händewaschen muss mit Seife für 20 sek mindestens erfolgen und eliminiert den Erreger recht gut von den Handflächen.
  • Häufig angefasste Kontaktflächen im öffentlichen Raum (z.B. Haltegriffe in öffentlichen Verkehrsmitteln, Türklinken) werden sicherlich kontaminiert werden, denn der Erreger überlebt recht lange auf unbelebten Oberflächen. Diese sollten fortlaufend gereinigt, besser jedoch desinfiziert werden.
  • Das Tragen irgendeines Mundschutzes (gerne selbstgenäht) ist aus folgenden Gründen effektiv:
    • Mit einem solchen fasst man sich vor dem Waschen der möglicherweise kontaminierten Hände nicht mit diesen an seine Schleimhäute, die sich dabei infizieren können. 
    • Ein wie auch immer gestalteter Schutz vor dem Mund (Mundschutz, Schal, Tempotaschentuch, Ellenbeuge) verhindert bei Infizierten die Freisetzung des Erregers zu anderen und zu häufig berührten Flächen.

Die öffentliche Diskussion, dass das alles nicht nütze und Panik hervorrufe, ist nach meiner Einschätzung grob fahrlässig und riskiert viele schwere Erkrankungsfälle und Tote. Wir selbst hier in den Kliniken der Stadt Köln haben über Jahre bei Influenzaausbrüchen in Krankenhäusern mit dem generellen Tragen eines Mundschutzes beste Erfahrungen gemacht. Die Ausbrüche fielen unmittelbar in sich zusammen.