Optogenetik bei Retinitis pigmentosa: Wie eine einzige Spritze Blinden das Sehen zurückgeben könnte
Weltweit sind rund 1,5 Millionen Menschen von Retinitis pigmentosa betroffen — einer erblichen Netzhauterkrankung, die das Sehen schleichend auslöscht (Cross et al., 2022). Bislang gab es für die allermeisten Betroffenen keine Behandlung: Nur eine einzige zugelassene Gentherapie existiert, und sie hilft ausschließlich bei einer von mehr als 80 bekannten Genmutationen. Doch jetzt stehen zwei neuartige Therapien an der Schwelle zur Zulassung, die einen völlig anderen Weg gehen. Sie funktionieren unabhängig von der jeweiligen Mutation — und könnten damit erstmals für die große Mehrheit der Betroffenen eine Option sein.
Was ist Retinitis pigmentosa?
Retinitis pigmentosa (RP) ist nicht eine einzelne Krankheit, sondern eine Gruppe erblicher Netzhauterkrankungen. Allen gemeinsam ist, dass die lichtempfindlichen Zellen der Netzhaut — die sogenannten Fotorezeptoren — nach und nach absterben. Zuerst gehen die Stäbchenzellen zugrunde, die für das Sehen bei Dämmerlicht zuständig sind. Betroffene bemerken zunächst Nachtblindheit, dann verengt sich das Gesichtsfeld immer weiter zum sogenannten Tunnelblick. Schließlich können auch die Zapfenzellen betroffen sein, die für Farben und scharfes Sehen im Zentrum verantwortlich sind (Verbakel et al., 2018).
RP betrifft weltweit etwa eine von 4.000 Personen und ist die häufigste erbliche Ursache für Erblindung bei Menschen unter 60 Jahren (Cross et al., 2022). Die Erkrankung kann durch Mutationen in mehr als 80 verschiedenen Genen verursacht werden — eine enorme genetische Vielfalt, die die Therapieentwicklung bislang stark erschwert hat.
Die einzige zugelassene Gentherapie, Voretigene Neparvovec (Handelsname: Luxturna), ersetzt ein defektes RPE65-Gen. Sie wurde 2017 in den USA und 2018 in Europa zugelassen und hilft bei einer bestimmten Form der Leberschen kongenitalen Amaurose sowie bei RP, die durch RPE65-Mutationen verursacht wird. Aber: Etwa 98 Prozent der Menschen mit RP tragen andere Mutationen und kommen für Luxturna nicht infrage.
Das Prinzip Optogenetik: Die Netzhaut neu verkabeln
Hier setzt die Optogenetik an. Der Ansatz wurde ursprünglich als Werkzeug der Hirnforschung entwickelt und funktioniert nach einem überraschend einfachen Prinzip: Wenn die Fotorezeptoren abgestorben sind, werden andere Netzhautzellen, die noch intakt sind, mit einer Art Lichtschalter ausgestattet.
Per Gentherapie wird ein lichtempfindliches Protein — ein sogenanntes Opsin — in Zellen eingeschleust, die normalerweise kein Licht wahrnehmen: zum Beispiel in Bipolarzellen oder retinale Ganglienzellen. Diese Zellen überleben auch bei fortgeschrittener RP noch. Mit dem neuen Opsin können sie nun Licht registrieren und die Information ans Gehirn weiterleiten. Die zerstörten Fotorezeptoren werden also nicht repariert, sondern umgangen.
Entscheidend: Da dieser Ansatz nicht das defekte Gen ersetzt, sondern einen komplett neuen Signalweg schafft, funktioniert er unabhängig davon, welche Mutation die RP verursacht hat. Fachleute sprechen deshalb von einer „gen-agnostischen” Therapie.
MOON-Studie aus China: 83 Prozent der Behandelten sehen besser
Das chinesische Unternehmen Zhongmou Therapeutics hat mit seiner Therapie ZM-02 die weltweit erste randomisierte klinische Studie einer optogenetischen Gentherapie bei fortgeschrittener RP durchgeführt — die MOON-Studie (NCT06292650).
ZM-02 nutzt ein Opsin der nächsten Generation namens PsCatCh2.0. Im Vergleich zu früheren optogenetischen Proteinen reagiert es laut Herstellerangaben bereits auf hundertfach geringere Lichtmengen und arbeitet schneller. Es wird per einmaliger Glaskörper-Injektion (intravitreal) mittels eines AAV-Vektors in die Netzhaut eingebracht.
In der Phase-1-Studie erhielten zwölf rechtlich blinde Patienten mit fortgeschrittener RP, die verschiedene genetische Mutationen trugen, eine einmalige Injektion von ZM-02. Die Ergebnisse nach 36 Wochen:
- 83 Prozent der behandelten Patienten (zehn von zwölf) zeigten eine klinisch bedeutsame Verbesserung der Sehschärfe um mindestens 0,3 LogMAR — das entspricht im Mittel einem Zugewinn von rund 30 Buchstaben auf der Sehtafel (Zhou et al., ARVO 2025; Clinical Trials Arena, November 2025).
- Mehrere Patienten konnten sich erstmals wieder in dunklen Umgebungen orientieren.
- Einige nahmen zum ersten Mal seit Jahren wieder Farben wahr — ein Effekt, der bei einer optogenetischen Therapie zuvor noch nie berichtet worden war.
- Ein Patient war in der Lage, wieder ohne Hilfsmittel Fahrrad zu fahren.
- Es traten keine schwerwiegenden therapiebedingten Nebenwirkungen auf.
Die Ergebnisse nach 52 Wochen bestätigen laut Zhongmou, dass die Verbesserungen nach einer einzigen Injektion stabil geblieben sind (Zhongmou Therapeutics, Pressemitteilung, November 2025). Ende 2025 hat die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA dem Unternehmen die Genehmigung erteilt, ZM-02 auch in den USA klinisch zu testen.
MCO-010 aus den USA: Auf dem Weg zur Zulassung
Parallel verfolgt das texanische Unternehmen Nanoscope Therapeutics mit MCO-010 (wissenschaftlicher Name: Sonpiretigene Isteparvovec) einen ähnlichen, aber eigenständigen Ansatz. MCO-010 nutzt ein firmeneigenes Multi-Characteristic Opsin (MCO), das Bipolarzellen der Netzhaut lichtempfindlich machen soll — und zwar für natürliches Umgebungslicht. Anders als manche optogenetische Ansätze benötigt MCO-010 keine spezielle Brille oder Lichtverstärker.
Die klinische Evidenz stammt aus der RESTORE-Studie, einer multizentrischen, randomisierten, doppelt verblindeten und scheinbehandelten Phase-2b-Studie (NCT04945772). 28 Patienten mit fortgeschrittener RP nahmen teil. Die Ergebnisse:
- In der Hochdosis-Gruppe verbesserte sich die Sehschärfe nach 76 Wochen auf im Mittel 20/900 — ausgehend von einem Niveau, bei dem die meisten Patienten vorher nur Handbewegungen oder Licht wahrnahmen (Nanoscope Therapeutics, Pressemitteilung, Juli 2025).
- Sieben von 18 behandelten Patienten zeigten nach 52 Wochen klinisch signifikante Verbesserungen; nach 76 Wochen waren es zehn von 18 (Drug Discovery News, Dezember 2025).
- Die anschließende EXTEND-Langzeitstudie bestätigte, dass die Wirkung über mindestens fünf Jahre stabil blieb — ohne schwerwiegende Nebenwirkungen (Drug Discovery News, Dezember 2025).
Im Juli 2025 begann Nanoscope mit der schrittweisen Einreichung eines Zulassungsantrags (Biologics License Application, BLA) bei der FDA. Die vollständige Einreichung wird für Anfang 2026 erwartet. Aufgrund des Fast-Track-Status ist MCO-010 für ein beschleunigtes Prüfverfahren qualifiziert (Nanoscope Therapeutics, Pressemitteilung, Juli 2025). Wird der Antrag positiv beschieden, wäre MCO-010 die weltweit erste gen-agnostische Gentherapie zur Wiederherstellung des Sehvermögens bei RP.
Was die Therapien unterscheidet
Obwohl beide Therapien auf dem Prinzip der Optogenetik basieren, unterscheiden sie sich in wesentlichen Punkten:
ZM-02 (Zhongmou) verwendet das Opsin PsCatCh2.0, das aus einem Meeresalgen-Protein weiterentwickelt wurde und gezielt retinale Ganglienzellen und Bipolarzellen ansteuert. Die Therapie befindet sich in Phase 1 und hat bislang Daten von zwölf Patienten vorgelegt.
MCO-010 (Nanoscope) setzt auf ein firmeneigenes MCO-Opsin, das ein breiteres Lichtspektrum nutzen soll und primär Bipolarzellen ansteuert. MCO-010 ist mit abgeschlossener Phase 2b und laufendem Zulassungsantrag deutlich weiter in der Entwicklung. Langzeitdaten über fünf Jahre liegen vor.
Beide Therapien werden als einmalige Injektion in den Glaskörper des Auges verabreicht — ein Eingriff, der in der augenärztlichen Praxis routinemäßig durchgeführt wird und keine Operation im engeren Sinne erfordert.
Einordnung: Hoffnung mit Vorbehalt
Die Ergebnisse sind für Betroffene und Fachleute gleichermaßen ermutigend. Dennoch ist Vorsicht angebracht:
Die MOON-Studie von Zhongmou ist eine frühe Phase-1-Studie mit nur zwölf Teilnehmern. Sie ist nicht doppelt verblindet, und die Ergebnisse sind bislang nur als Kongresspräsentation und Pressemitteilung veröffentlicht — eine vollständige Publikation in einem begutachteten Fachjournal steht noch aus. Wie robust die Verbesserungen langfristig sind und ob sie sich in größeren Patientengruppen bestätigen, müssen weitere Studien zeigen.
MCO-010 von Nanoscope verfügt über eine solidere Datenbasis: eine randomisierte, kontrollierte Phase-2b-Studie und Langzeitdaten über fünf Jahre. Allerdings sind auch hier die Patientenzahlen vergleichsweise klein. Die entscheidende Frage wird sein, ob die FDA die vorliegenden Daten als ausreichend für eine Zulassung betrachtet.
Zudem ist zu bedenken, dass optogenetische Therapien kein normales Sehen wiederherstellen. Die erreichte Sehschärfe von 20/900 bei MCO-010 bedeutet, dass Patienten auf sechs Meter erkennen, was ein normalsichtiger Mensch auf 270 Meter sieht. Das ist ein großer Fortschritt gegenüber vollständiger Blindheit — aber weit entfernt von gesundem Sehen. Die Therapien ermöglichen eher eine grobe räumliche Orientierung, das Erkennen von Konturen und Bewegungen sowie in manchen Fällen eine gewisse Farbwahrnehmung.
Was Betroffene jetzt wissen sollten
Beide Therapien sind derzeit noch nicht zugelassen und nur im Rahmen klinischer Studien verfügbar. Betroffene in Deutschland, die an einer Teilnahme interessiert sind, können sich an spezialisierte Zentren für erbliche Netzhauterkrankungen wenden — etwa an den Universitätskliniken in München (LMU), Tübingen oder Bonn, die zu den führenden europäischen Standorten für retinale Gentherapie zählen.
Unabhängig von optogenetischen Therapien laufen derzeit zahlreiche weitere klinische Studien für RP, darunter gen-spezifische Gentherapien (etwa für RPGR-Mutationen bei X-chromosomaler RP), orale Antioxidantien (NACA) und gen-agnostische Modifikator-Gentherapien (OCU400 von Ocugen, dessen Phase-3-Studie liMeliGhT gerade die Rekrutierung abgeschlossen hat). Die Pipeline war nie so breit gefächert wie heute.
Für Betroffene gilt weiterhin: Regelmäßige augenärztliche Kontrollen bleiben wichtig, auch um behandelbare Begleiterscheinungen wie Katarakt oder Makulaödem frühzeitig zu erkennen. Eine genetische Diagnostik kann helfen, die individuelle Mutation zu bestimmen — und damit die Frage, welche der laufenden Studien infrage kommen könnte.
Quellen
Cross N, van Steen C, Zegaoui Y, Satherley A, Angelillo L. „Retinitis Pigmentosa: Burden of Disease and Current Unmet Needs.” Ophthalmic Research. 2022;12:3749–3760. DOI: 10.2147/OPTH.S365486.
Verbakel SK, van Huet RAC, Boon CJF, et al. „Non-syndromic retinitis pigmentosa.” Progress in Retinal and Eye Research. 2018;66:157–186.
Zhou W, Zhou M, Shirinzadeh M, et al. „Safety and Efficacy of ZM-02 Optogenetic Gene Therapy Clinical Study for Advanced Retinitis Pigmentosa.” Investigative Ophthalmology & Visual Science. 2025;66(8):511. Präsentiert auf der ARVO Annual Meeting 2025.
Zhongmou Therapeutics. „Zhongmou Therapeutics Presents First-in-Human ZM-02 Optogenetic Therapy Data.” Pressemitteilung, Advanced Therapies Congress (ATC), November 2025. eyewire.news (abgerufen am 13.03.2026).
Clinical Trials Arena. „Zhongmou Therapeutics’ RP gene therapy shows promise in first-in-human trial.” 27. November 2025. clinicaltrialsarena.com (abgerufen am 13.03.2026).
Nanoscope Therapeutics. „Nanoscope Therapeutics Initiates Rolling Submission of Biologics License Application to FDA for MCO-010.” Pressemitteilung, 14. Juli 2025. nanostherapeutics.com (abgerufen am 13.03.2026).
Foster B. „New gene therapies offer a universal approach to treating retinitis pigmentosa.” Drug Discovery News. 8. Dezember 2025. drugdiscoverynews.com (abgerufen am 13.03.2026).
Ocugen Inc. „Ocugen Announces Phase 3 liMeliGhT Enrollment Completion for OCU400.” Pressemitteilung, 2. März 2026. globenewswire.com (abgerufen am 13.03.2026).
Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Betroffene sollten sich an ihre Augenärztin oder ihren Augenarzt wenden, um individuelle Therapieoptionen zu besprechen.