Kommentar
Wenn ich durch ein augenärztliches Wartezimmer gehe, sehe ich es sofort: Da sitzt eine Frau mit Gehhilfe, ein Mann mit weißem Stock, eine andere, die sich angestrengt nach vorne beugt, um etwas zu erkennen. Sie alle warten. Auf einen Termin. Auf Hilfe.
Als ich Ende der 1980er Jahre zum ersten Mal als Journalist solche Wartezimmer betrat, sah das noch ganz anders aus. Da saßen auch junge Menschen, Berufstätige, Studenten – sie wollten eine neue Brille verschrieben bekommen. Der Weg führte damals vom Augenarzt zum Optiker: erst die Verordnung, dann die Brille.
Dieses Klientel ist verschwunden. Seit 2004 zahlen die gesetzlichen Krankenkassen für Erwachsene keine Brillen mehr – außer bei schwerer Sehbeeinträchtigung. Die Augenärzte selbst hatten wenig Interesse, an der Brillenverordnung festzuhalten: Die Honorierung dieser Leistung war zu gering, der Aufwand zu hoch. Gleichzeitig haben sich die Augenoptiker professionalisiert. Viele nennen sich heute Optometristen, haben Hochschulabschlüsse, dürfen Folgeversorgungen selbstständig durchführen. Der Beruf hat sich vom Handwerk zum Gesundheitsberuf entwickelt.
Das Ergebnis: Wer heute eine Brille braucht, geht zum Optiker. Wer eine Augenerkrankung hat, geht zum Augenarzt. Und in den Wartezimmern der Augenärzte? Da sitzen fast nur noch ältere Menschen.
Diese Szene ist kein Zufall. Sie zeigt, was in Deutschland gerade passiert: Wir werden älter. Und mit jedem Jahr wächst die Zahl derer, die ihre Augen ärztlich betreuen lassen müssen.
Das ist zunächst eine gute Nachricht. Menschen leben länger, und sie wollen ihre Sehkraft bewahren. Doch es gibt auch eine weniger erfreuliche Seite. Denn während die Zahl der Patienten wächst, verändert sich die Struktur der augenärztlichen Versorgung so grundlegend, dass wir uns fragen müssen: Werden wir in zehn Jahren noch alle behandeln können?
Das Alter und die Augen
Schauen wir uns die Zahlen an. Etwa sieben Millionen Menschen in Deutschland haben eine altersbedingte Makuladegeneration – jene Erkrankung, bei der die Stelle der Netzhaut geschädigt wird, die für scharfes Sehen zuständig ist. Rund 500.000 davon befinden sich bereits in einem fortgeschrittenen Stadium. Das bedeutet: Sie sehen nur noch verschwommen, manche erkennen Gesichter nicht mehr.
Beim Glaukom, dem Grünen Star, ist die Lage ähnlich. Knapp eine Million Menschen sind diagnostiziert. Eine weitere Million weiß vermutlich nichts von ihrem erhöhten Augeninnendruck – einem Risikofaktor, der unbehandelt zum Sehverlust führen kann. Zwei Drittel aller Glaukom-Patienten sind älter als 70 Jahre.
Das sind keine abstrakten Statistiken. Das sind unsere Eltern, unsere Nachbarn, vielleicht wir selbst in einigen Jahren.
Ein Erfolg mit Folgen
Vor etwa zwanzig Jahren gab es für eine besonders aggressive Form der Makuladegeneration – die feuchte AMD – kaum Hilfe. Sie war für rund die Hälfte aller Neuerblindungen in Europa verantwortlich. Dann kam eine Therapie, die alles veränderte: Medikamente, die direkt ins Auge gespritzt werden und das krankhafte Gefäßwachstum stoppen.
Die Ergebnisse sind beeindruckend. Bei etwa drei Vierteln der Patienten lässt sich die Erkrankung aufhalten. Bei der Hälfte verbessert sich sogar die Sehkraft. Menschen, die auf eine Erblindung zusteuerten, können wieder lesen, wieder Gesichter erkennen. Das ist ein echter Erfolg der modernen Medizin.
Aber dieser Erfolg hat eine Kehrseite. Die Behandlung ist keine einmalige Sache. Ein Patient mit feuchter AMD braucht nicht eine Injektion, sondern viele – in den ersten Monaten oft monatlich, danach je nach Verlauf regelmäßige Kontrollen. Im ersten Jahr sind es durchschnittlich sieben bis neun Injektionen. Dazu kommen Voruntersuchungen, Nachkontrollen, Aufnahmen der Netzhaut. Zusammengerechnet etwa zwanzig Arzttermine pro Jahr – pro Patient.
Multiplizieren Sie das mit der Zahl der Betroffenen: Deutschland führt derzeit etwa 1,5 Millionen solcher Injektionen pro Jahr durch. Das ist die häufigste Einzelbehandlung in der gesamten Augenheilkunde. Jede einzelne braucht sterile Bedingungen, geschultes Personal, sorgfältige Dokumentation. Die Augenarztpraxen arbeiten am Limit.
Das Ende der Einzelpraxis
Vor dreißig Jahren sah die Welt anders aus. Ein Augenarzt hatte seine Praxis, vielleicht eine kleine Operationsecke, ein oder zwei Helferinnen. Das System war überschaubar und funktionierte.
Heute kann ein einzelner Arzt diese Last nicht mehr tragen. Nicht mit den modernen Diagnosegeräten, nicht mit dem Patientenaufkommen, nicht mit dem Dokumentationsaufwand. Und so verändert sich die Landschaft.
Die Gesamtzahl der Augenärzte in Deutschland wirkt zunächst stabil – rund 8.000 bis 8.500 arbeiten derzeit im Land. Doch hinter dieser Zahl verbirgt sich ein tiefgreifender Wandel. Die klassische Einzelpraxis wird seltener. Gleichzeitig wächst die Zahl der Ärzte, die in medizinischen Versorgungszentren angestellt sind.
Junge Ärzte, die ihre Facharztausbildung abschließen, entscheiden sich zunehmend gegen die eigene Praxis. Sie bevorzugen Angestelltenverhältnisse in größeren Zentren – mit geregelten Arbeitszeiten, ohne wirtschaftliches Risiko, ohne Praxisschulden. Hinzu kommt: Mehr als die Hälfte der Medizinstudierenden sind heute Frauen. Viele wünschen sich Arbeitsmodelle, die besser mit Familie und Privatleben vereinbar sind.
Das ist verständlich. Wer möchte sich heute noch die Last einer Einzelpraxis aufladen, wenn es andere Wege gibt?
Die Folge: In den Ballungsräumen entstehen immer mehr medizinische Versorgungszentren. Große Anbieter betreiben heute zahlreiche Standorte im Bundesgebiet. Diese Zentren bündeln Diagnostik, Operationen und Therapien unter einem Dach. Sie haben die modernste Technik. Sie können große Patientenzahlen bewältigen. Sie sind spezialisiert und effizient.
Manche dieser Zentren werden von Unternehmensgruppen betrieben, einige von Finanzinvestoren getragen. Befürworter sehen darin eine notwendige Modernisierung. Kritiker warnen vor einer zunehmenden Ökonomisierung der Medizin – wenn Renditeerwartungen die Behandlungsentscheidungen beeinflussen könnten. Für Patienten in den Städten ist die Versorgung zunächst gut. Aber was ist mit allen anderen?
Das Problem auf dem Land
Ich erinnere mich an Gespräche mit Kollegen aus kleinen Städten im Osten Deutschlands. Vor zehn Jahren gab es dort noch drei Augenärzte. Einer ging in den Ruhestand, fand keinen Nachfolger. Die Praxis schloss. Der zweite Arzt zog zu seinen Kindern in die Großstadt. Auch diese Praxis schloss. Der dritte arbeitet noch – überlastet, erschöpft, selbst nicht mehr jung.
Das passiert in vielen ländlichen Regionen.
Der bundesweite Durchschnitt sagt: etwa acht Augenärzte pro 100.000 Einwohner. Aber Durchschnitte können täuschen. In manchen Bundesländern sind es zehn, in anderen sechs. Und in einzelnen Landkreisen? Da kann die Wartezeit auf einen Facharzttermin acht bis zwölf Wochen betragen.
Für jemanden mit einer beginnenden feuchten Makuladegeneration ist das nicht einfach unbequem. Der Zeitfaktor spielt bei dieser Erkrankung eine entscheidende Rolle. Je früher die Behandlung beginnt, desto besser die Aussichten.
Hinzu kommt: Die nächste Augenarztpraxis ist nicht zwei Kilometer entfernt. Sie ist 50, manchmal 100 Kilometer entfernt. Ein älterer Mensch mit eingeschränktem Sehvermögen fährt nicht einfach 100 Kilometer. Das ist keine Bagatelle.
Die Augenärzte selbst werden älter
Es gibt noch einen weiteren Punkt, über den selten gesprochen wird: Ein großer Teil der niedergelassenen Augenärzte ist älter als 55 Jahre. In den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren werden viele von ihnen in den Ruhestand gehen.
Der Nachwuchs ist da – aber er verteilt sich anders. Die jungen Ärzte gehen in die Zentren, in die Kliniken, manche ins Ausland. Nur wenige übernehmen eine Einzelpraxis auf dem Land.
Das verstärkt eine Entwicklung, die schon im Gang ist. Die Lücke zwischen gut versorgten Städten und unterversorgten Regionen wächst.
Was Telemedizin kann – und was nicht
Manche sagen: Telemedizin könnte das Problem lösen. Bilder elektronisch versenden, Experten in großen Kliniken aus der Ferne hinzuziehen.
Das stimmt teilweise. Netzhautaufnahmen lassen sich tatsächlich digital übermitteln. Eine erste Einschätzung durch einen Spezialisten ist möglich, ohne dass der Patient reisen muss.
Aber viele Diagnosen erfordern die persönliche Untersuchung. Ein Glaukom erkennt man nicht auf einem Foto. Man muss die Sehnerven selbst betrachten, mit der Spaltlampe, mit dem geschulten Blick eines erfahrenen Arztes.
Und dann sind da die Injektionen. Die können nicht telemedizinisch durchgeführt werden. Sie brauchen sterile Bedingungen, einen Arzt vor Ort, einen Operationsraum.
Telemedizin kann ergänzen. Aber sie kann die ärztliche Praxis nicht ersetzen.
Was bedeutet das für die Qualität?
Große Versorgungszentren haben Vorteile. Sie verfügen über modernste Geräte, über spezialisierte Teams, über standardisierte Abläufe. Die klinischen Ergebnisse sind oft gut.
Aber es gibt auch Fragen, die sich stellen. Wenn Finanzinvestoren in solche Zentren investieren, geht es dann noch in erster Linie um den Patienten? Gibt es Druck, mehr zu behandeln, um mehr Umsatz zu machen? Bekommen bestimmte Patienten weniger Aufmerksamkeit, weil sie weniger „rentabel" sind?
Bisher gibt es keine systematischen Studien, die solche Qualitätsprobleme belegen. Aber die Fachgesellschaften beobachten die Entwicklung aufmerksam. Das ist richtig so.
Was wir tun können
Ich schreibe das nicht, um Angst zu verbreiten. Ich schreibe es, weil ich glaube, dass wir die Dinge klar sehen müssen – auch wenn sie unbequem sind. Die Situation ist herausfordernd. Aber sie ist nicht hoffnungslos.
Viele Fachleute denken über hybride Modelle nach: spezialisierte Zentren für komplexe Behandlungen wie die Injektionstherapien, dazu regionale Praxen für Vorsorge, Früherkennung und Basisversorgung. Ein Netzwerk, bei dem Patienten bei Bedarf überwiesen werden, aber für die alltägliche Betreuung in ihrer Nähe bleiben können.
Das klingt vernünftig. Es könnte funktionieren. Aber es braucht politischen Willen. Es braucht Investitionen in ländliche Regionen. Es braucht Anreize für junge Ärzte, sich dort niederzulassen. Es braucht eine Planung, die nicht allein dem Markt überlassen wird.
Neue Therapien werden entwickelt, die weniger häufige Injektionen erfordern. Die Forschung arbeitet daran. Das wird die Belastung des Systems langfristig verringern.
Ein Wort zum Schluss
Wenn Sie selbst eine Augenerkrankung haben, verstehe ich, dass Sie diese Zeilen mit gemischten Gefühlen lesen. Die Sorge, ob man gut betreut wird, ist berechtigt.
Aber ich sage Ihnen auch: Es gibt Menschen in den Fachgesellschaften, in der Politik, in den Praxen, die diese Probleme sehen und daran arbeiten. Die Medizin macht Fortschritte. Die Versorgung kann sich weiterentwickeln.
Das Augenlicht ist kostbar. Wir müssen es schützen – nicht nur medizinisch, sondern auch strukturell. Das ist eine Aufgabe, die uns alle betrifft: Ärzte, Patienten, die Gesellschaft.
Ich bleibe zuversichtlich. Nicht weil ich die Probleme kleinrede. Sondern weil ich weiß: Wenn wir die Dinge klar benennen, können wir auch etwas verändern.
Zahlen im Überblick
- Etwa sieben Millionen Menschen mit Makuladegeneration in Deutschland
- Knapp eine Million mit diagnostiziertem Glaukom
- Schätzungsweise eine weitere Million mit unerkanntem Glaukom-Risiko
- Acht bis neun Millionen Menschen mit Diabetes in Deutschland
- 1,5 Millionen intravitreale Injektionen pro Jahr
- Durchschnittlich sieben bis neun Injektionen pro Patient im ersten Behandlungsjahr
- Etwa 20 Arztbesuche pro Patient jährlich (einschließlich Kontrollen)
- Rund 76 Prozent der Injektionspatienten sind älter als 65 Jahre
- Rund 8.000 bis 8.500 Augenärzte bundesweit
- Steigender Anteil angestellter Ärzte in medizinischen Versorgungszentren
- 16,7 Millionen Menschen im Rentenalter heute – voraussichtlich 20,1 Millionen bis 2035
Quellen
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Statistisches Bundesamt (Destatis). „Künftige Bevölkerungsentwicklung in Deutschland – 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung." 2025.
Heinz Jürgen Höninger
Der Autor war Herausgeber und Verleger von medizinischen Fachzeitschriften, die sich mit dem Thema Sehen beschäftigten. Das Magazin Augenlicht erhielt 2004 den Medienpreis des Berufsverbandes der Augenärzte (BVA).