- Die Seite befindet sich vorübergehend im Aufbau -

News Ticker

Sizilianische Küstentour

Von Malta kamen wir unter Segeln nach Pozzallo am südöstlichen Zipfel Siziliens, wobei das für so friedlich gehaltene Mittelmeer ganz schön heftig wurde. Der saubere Strand vor dem kleinen Ort gab uns daraufhin Anlass, dort ein paar Tage zu verweilen. Die vorzüglichen Frutti di Mare bestärkten uns in dieser Absicht.

 

Deutsche Abenteurer reisten einst, im 19. Jahrhundert, die sich nach Norden anschließende Küste zu Fuß hinauf und beschrieben ihre Erlebnisse in den höchsten Tönen. Das lässt sich leider nicht nachvollziehen, weil heute alles voller Autos ist. Selbst auf den Gehsteigen sind sie so dicht an dicht vertreten, dass man kaum von der Stelle kommt. Am besten nimmt man den Bus. Was leichter gesagt ist als getan. An den (wenigen) Haltestellen sind keine Abfahrtzeiten verzeichnet, sondern man findet ein Schild vor: „Bitte schicken Sie eine SMS an die Zentrale und wir teilen Ihnen mit, wann der nächste Bus fährt.“ Das Ganze natürlich in fließendem Italienisch. Ein Bus kam aber auch so und brachte uns zur nächsten Stadt, Siracusa.

Wir werden das alte Siracusa in guter Erinnerung behalten, wie eigentlich alles auf dieser Tour außer den Autos. Über die Sizilianer herrschen alle möglichen Klischees vor. Man schildert sie als finstere Mafiosi und dass sie dem Touristen alle an die Geldkatze wollen, weiß man auch ganz genau. In Wahrheit begegneten sie uns als die freundlichsten und hilfsbereitesten Menschen, die man sich denken kann. Nur ein wenig Italiano sollte man schon draufhaben, denn kaum jemand spricht eine andere Sprache. Salvatore, unser Pensionswirt, sprach die der Musik und führte zusammen mit einem Maestro zu Ehren seiner Gäste ein superbes klassisches Hauskonzert auf: Bach, Händel, Vivaldi – welch exquisiter Genuss! Danach Stadtbesichtigung, einschließlich der „Grabstätte des Archimedes“, denn Siracusa war zu klassischen Zeiten schon einmal griechisch. Allerdings gestand uns Salvatore augenzwinkernd, dass der große Mathematiker dort ganz gewiss nicht begraben läge, aber dass die Legende sich recht lukrativ für die Stadt auswirke. In der Tat schwirrten überall Touristen, mit der Handykamera vor der Nase, in großer Zahl umher.

Als nächstes Catania, seit Urzeiten ein blühendes Gemeinwesen, bis 1669 ein gewaltiger Ausbruch des unfernen Ätna alles platt machte. Die Stadt wurde natürlich prompt wieder aufgebaut, aber früher war sie bestimmt schöner. Dafür ist der Feuerspeier umso interessanter. Er ist Europas höchster (3.323 Meter,

plus/minus ein paar, je nach Eruptionsstatus) und aktivster Vulkan, ein sehr unruhiger Bursche, der bis in die neueste Zeit immer wieder Unheil angerichtet hat. Sein ständig dampfender zentraler Krater zeigt an, dass dort permanent etwas im Gang ist, aber seine Spezialität sind laterale Ausbrüche. Das heißt, dass sich die Flanken des Berges unvermittelt öffnen, und aus den Spalten schießt dann dünnflüssige Lava hervor und rinnt wie ein Fluss zu Tal. Penible Überwachung und Kanalisierung der Lavaströme verhindert, dass man als Bergwanderer gegrillt wird. Stattdessen kann man gefahrlose Touren in die Höhe unternehmen, von wo Goethe schon den Panoramablick „auf das herrliche Land, das nah und fern unter mir lag“ lobpreiste. Im Winter bedeckt sich die Ätna-Kuppe zudem mit Schnee und mutiert zu einem Paradies für Skifahrer – das im Mittelmeer und auf einem brodelnden Vulkan!

Taormina, letztlich, erhielt bereits damals manche Laudatio, auch von Goethe in seinem berühmten Buch „Italienische Reise“. Nach wie vor ist Taormina in der Tat sehenswert im Extrem: Das griechische Amphitheater, die vorgelagerte Isola Bella („schöne Insel“), die spektakulären Piazzen und Kirchenbauten … Wir jedoch wurden der unablässig heranschnaubenden Touristenbusse bald überdrüssig und schlugen einen Haken nach Westen, wo im Provinzstädtchen Linguaglossa Ruhe und Frieden auf uns warteten. Und der Ätna machte gnädigerweise auch mit, indem er schwieg.

Text und Fotos: Roland Hanewald