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Hurra, ich bin ein Schulkind

Die sehbehinderte Carina geht zum ersten Mal in die Schule. (Foto: Philips)

„Noch einmal schlafen, dann ist es soweit!“ wie alle Sechsjährigen freut sich auch Carina auf ihren ersten Schultag. Der Ranzen – schon zigmal aus- und eingepackt – steht bereit, und auch die Schultüte, mit lauter Köstlichkeiten gefüllt, wartet auf das Schulkind.

Früh aufstehen heißt es für Carina, wenn sie in die Schule geht. Denn sie ist sehbehindert und ihre Schule liegt nicht gerade um die Ecke, sondern zwanzig Kilometer entfernt. Carina gehört nun zu den Erstklässlern der Schule für Sehbehinderte in Köln.

Am ersten Schultag fährt natürlich die ganze Familie mit. In Zukunft aber werden die Schüler mit einem eigens für sie eingerichteten Fahrdienst befördert.

Carina kennt sich gut aus in ihrer Schule, ist vertraut mit einigen Lehrern und künftigen Klassenkameraden: Ein Jahr lang kam sie alle zwei Wochen nachmittags in die Vorschule, die speziell der Frühförderung sehbehinderter Kinder dient und in der gemeinsam gemalt, gewerkelt, musiziert, geturnt und getanzt wird.

Carinas Eltern hatten so die Gelegenheit, ihr Kind in einer schulähnlichen Gruppe zu beobachten und sich mit den Pädagogen über Lernchancen und schulische Möglichkeiten auszutauschen. Denn immer wieder stellen Eltern die bange Frage: „Wird mein Kind, das schon so schlecht sieht, den Schulalltag bewältigen? Und welche Schule wird die richtige sein? Ist es die Regelschule vor Ort? Oder bietet sich eher der Besuch einer Spezialschule an?“

Dank des neuen Schulgesetzes bekommen Eltern bei der Entscheidung Unterstützung. Denn heute wird sehr gründlich unter Beteiligung verschiedener Gremien – Grundschule, Sonderschule, Schulamt, Amts- und Facharzt – mit ihnen über die bestmögliche schulische Förderung ihres Kindes beratschlagt und der geeignete Förderort, sprich Schule, bestimmt. Damit ist jedem Kind eine bessere Chance gegeben, dass es nicht zu einer Fehleinschulung kommt.

Für Carina und ihre Eltern hat sich im Laufe des Vorschuljahres klar ergeben: Ihr Wunsch ist es, in die Schule für Sehbehinderte aufgenommen zu werden.

Der erste Schultag

Für Carina ist der erste Schultag ein Festtag – wie im Leben aller anderer Kinder. Alle sind adrett gekleidet, Eltern und Familienangehörige begleiten sie in die Schule, es gibt Geschenke und überhaupt, meist wird der ganze Tag feierlich begangen.

Pünktlich um 9.00 Uhr steht sie mit ihrer Familie vor der Schultür und wartet wie ihre Klassenkameraden gespannt darauf, was denn der erste Tag bringen wird. Ob man schon lesen, schreiben, rechnen lernt? Wir man auch Hausaufgaben machen müssen?

Die Schulkinder der zweiten Klasse führen zur Begrüßung der I-Dötzchen ein kleines Stück auf. So bekommt Carina erst einmal vorgeführt, was man alles in der Schule lernen kann. Das scheint denen ja wirklich Spaß zu machen!

Am Ende der Begrüßungsfeier heißt es für eine Stunde Abschied nehmen von den Eltern, denn nun ruft die Klassenlehrerin die Kinder … „Auf geht’s in eure Klassenräume!“ Die erste Unterrichtsstunde beginnt. Dies ist ein Augenblick, da wird manch heimliche Träne weggewischt, und das nicht nur bei den Kindern!

Die finden sich, kaum dass sie den Klassenraum betreten und erobert haben, sehr schnell zurecht. Die Kinder sind zwar im Sehen eingeschränkt, aber nicht blind. Folglich können sie sich visuell gut orientieren: Der strukturierte Raum, die speziellen Sehhilfen und für Sehbehinderte entwickelte Materialien, die besonders geschulten Pädagogen und die überschaubare Schülerzahl pro Klasse, das alles erleichtert es den Kindern enorm, mit der neuen Situation fertig zu werden.

Während Carina bereits ganz Auge und Ohr ist, was die Lehrerin tut und sagt, sitzen die Eltern mit der Schulleitung zusammen. Noch gibt es manche Frage zu klären, insbesondere was die Schulorganisation anbelangt. Und immer wieder tauscht man gemeinsam Überlegungen und Erfahrungen aus, wie sich der schulische Werdegang des Sorgenkindes entwickeln könnte.

Am Beispiel zahlreicher Abgänger, die schon die Kölner Schule durchlaufen haben, kann auch Carinas Eltern die beruhigende Gewissheit vermittelt werden, dass alle Schüler das gelernt haben, was andere auch lernen, wenngleich mit mehr Zeit und Mühe sowie mit besonderen Hilfen und Hilfsmitteln. Allen Kindern ist auch die Möglichkeit gegeben, nach der Grundschulzeit eine weiterführende Schule zu besuchen. Gleichermaßen steht ihnen jederzeit ein Wechsel in eine Regelschule vor Ort frei. Sie können aber auch an der Sehbehindertenschule ihren Abschluss machen. Ziel aller pädagogischer Bemühungen ist es, die jungen Menschen so zu fördern, dass sie sich in unsere Gesellschaft integrieren können, schulisch, beruflich und sozial.

Für Carina und ihre Mitschüler sind solche Überlegungen noch in weiter Ferne. Sie sind eifrig damit beschäftigt, den ersten Buchstaben zu lernen. Mimi, die Lesemaus, hilft ihnen kräftig. Derweil stehen die Eltern vor der Klassentür, warten gespannt darauf, einen Blick in den Raum werfen zu können, neugierig zu sehen, wo ihr Kind sitzt und ob es sich wohlfühlt. Nun wird ihnen noch einmal so richtig bewusst, dass ein weiteres Stück Loslösung erfolgt, dass ihr Sprössling einen großen Schritt tut in Richtung Erwachsenwerden.

„Hurra, ich bin ein Schulkind und nicht mehr klein“, singt Carina mit ihrer Klasse im Chor und schaut mit glänzenden Augen die Lehrerin und dann ihre Eltern an.

Text: Angela Mrositzki

Dieser Artikel erschien 1997 in Augenlicht VisionCare.