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Blind und trotzdem ein erfülltes Leben

Werner S. fühlt sich an seinem Arbeitsplatz runum zufrieden.

Unter Blindheit stellen sich viele unter uns einen der härtesten Schicksalsschläge vor, von denen ein Mensch betroffen sein kann. Die Welt, das Leben – alles scheint dunkel und trostlos. Dies muss aber nicht so sein. Blindheit ist nicht unbedingt gleichzusetzen mit einem unausgefüllten Leben.

Auf einer Messe für die Rehabilitation Behinderter in Düsseldorf lernte ich Werner S. auf dem Ausstellungsstand der Firma tieman kennen. Nachdem er mir bereits ausführlich die Vorteile eines modernen Computer-Arbeitsplatzes für Sehbehinderte erklärt hatte, wollte ich zunächst nicht glauben, dass mein Gesprächspartner blind ist. Für mich stand sofort fest, dass ich über diesen Menschen und sein Schicksal mehr erfahren wollte.

Ich fuhr also nach Schwalmstadt, einem Städtchen zwischen Marburg und Kassel gelegen. Dort hat die Firma tieman ihre Büroräume. Dort traf ich auch Werner S. an seinem Arbeitsplatz wieder. Auch jetzt beeindrucken mich die Sicherheit und Zufriedenheit, die er ausstrahlt. Und erst hier, wenn er sich um die Ecke seines Schreibtisches herumtastete, wurde mir so recht bewusst, dass der Mann blind war.

Werner S. ist 37 Jahre alt. Seit etwa zehn Jahren kann er sich nur noch mit dem weißen Blindenstock fortbewegen, kann nur noch erkennen, ob die Sonne scheint oder nicht und wenn bei Dunkelheit ein Licht angeschaltet wird. Werner S. ist infolge der Retinitis Pigmentosa erblindet, einer erblichen Augenkrankheit, bei der nach und nach immer mehr lichtempfindliche Sinneszellen der Netzhaut zugrunde gehen. Anfänglich meist in der Peripherie, wobei es bei der klassischen Form der Erkrankung zunächst zur Nachtblindheit, dann zum typischen „Tunnelblick“ kommt. Die Betroffenen haben eine Wahrnehmung wie beim Blick durch eine enge Röhre. In diesem Stadium können sie noch Buchstaben und Wörter in einem Buch lesen, aber schon die Orientierung auf der entsprechenden Seite fällt immer schwerer. Im weiteren Umfeld, oder gar im Raum, ist sie gar nicht mehr möglich. Auch Werner S. hat diesen Verlauf der Erkrankung durchlebt. Manchem RP-Betroffenen bleibt aber ein Restsehvermögen erhalten – ihm nicht.

Während ich Werner S. bei der Schilderung seiner Krankheitsgeschichte zuhöre, drängte sich mir immer wieder die Frage auf, wie schrecklich es sein muss, beim Augenarzt die Diagnose „Retinitis Pigmentosa“ zu erfahren. Für meinen Gesprächspartner war der Schock nicht ganz so groß, denn er war vorgewarnt: Schon sein zwei Jahre älterer Bruder litt unter der Erkrankung. Nachdem sich bei Werner S. die ersten Symptome gezeigt hatten, wusste er also ungefähr, was auf ihn zukam: eine große Veränderung, ein tiefgreifender Einschnitt in sein Leben. In den ersten vier Berufsjahren, von 1980 bis 1984, ging es mit dem Sehvermögen des gelernten Großhandelskaufmanns ständig bergab. „Das war eine sehr, sehr schwierige Zeit“, sagt er heute. Allmählich musste sich Werner S. eingestehen, dass er seine Arbeit im Büro nicht mehr wie ein normaler Sehender verrichten konnte: „Bei schlechtem Licht konnte ich die Lieferscheine nicht mehr lesen, und ich begann, über Gegenstände zu stolpern, die ich nicht gesehen hatte.“

Sich mit der Diagnose RP neu orientieren

Was die Situation zusätzlich erschwerte, war der Umstand, dass er seine Sehbehinderung zu verheimlichen versuchte: „Das kommt aus der Angst vor der eigenen Schwäche. Man will sich nicht eingestehen, behindert zu sein. Man errichtet eine Blockade gegen die Wahrheit, bis man sie auch mit größter Anstrengung nicht mehr verbergen kann.“ Problematisch war auch der Umgang mit gleichaltrigen Jugendlichen: „Die machten alle ihren Führerschein, und ich musste mich fragen lassen, ob ich zu blöde dafür sei.“

Die Wende im Leben von Werner S. kam Ende 1984. Zu diesem Zeitpunkt konnte er seine Sehbehinderung nicht mehr verbergen. Es musste etwas geschehen. Mit dieser Erkenntnis tat er einen wichtigen, entscheidenden Schritt: Er akzeptierte seine Behinderung, betrachtete sie als zu seinem Leben gehörig. Konsequent kündigte er sein damaliges Arbeitsverhältnis, handelte nach der Devise: Auf zu neuen Ufern!

In Zöchem bei Würzburg absolvierte Werner S. die blindentechnische Grundausbildung, die ein Jahr dauerte. Hier erlernte er nicht nur die Braille-Schrift (Punktschrift) für Blinde, sondern auch den Umgang mit dem Blindenstock und Fertigkeiten des täglichen Lebens – etwa, wie man als Blinder bügelt oder ein Brot streicht. Zugleich wurden die verschiedenen Berufsbilder für Sehbehinderte und Blinde vorgestellt und entsprechende Eignungstest durchgeführt. Als Ausbildungsgänge kamen beispielsweise Telefonist, Steno/Phonotypist, Metallhandwerker und Programmierer in Frage. Werner S. entschied sich für die Ausbildung zum Programmierer bzw. Datenverarbeitungs-Fachmann.

Der Beruf hilft über vieles hinweg

Die 18monatige Umschulung übernahm das Arbeitsamt. Es gab ein Übergangsgeld. Frühzeitig hatte man ihm auch geraten, einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen. Im Berufsbildungswerk Heidelberg standen für die Umschulung alle Unterrichtsmaterialien in Punktschrift zur Verfügung. Ein Teil seines kaufmännischen Wissens konnte er auch im neuen Beruf verwenden. Für Werner S. war es die Zeit des Aufatmens und des Findens neuer Perspektiven: „Das war eine ganz neue Situation, ich hatte Erfolg, und mir fehlte es an nichts. Dass ich erblindet war, habe ich damals eigentlich total vergessen.“

Nach dem erfolgreichen Abschluss – sogar als Jahrgangsbester – galt es „nur noch“, eine Arbeitsstelle zu finden. Im Raum Augsburg sollte es sein, in der Nähe der Freundin, die heute seine Frau ist, und der Familie. Es gelang nicht. Ein halbes Jahr dauerte die Suche. Viele Bewerbungsschreiben waren unterwegs. Endlich schlug ihm eine zentrale Vermittlungsstelle des Arbeitsamtes Frankfurt eine Firma im Schwarzwald vor, die Computerarbeitsplätze für Behinderte ausstattete. Werner S. nahm an, arbeitete dort im Vertrieb. Drei Jahre später gründete der Geschäftsführer des Schwarzwälder Unternehmens in Schwalmstadt eine neue Firma. Einige Monate später folgte ihm Werner S.

In Schwalmstadt verkaufte er die in der Firma hergestellten Computer-Zusatzgerät, die Sehbehinderten und Blinden das Arbeiten am PC ermöglichen. Diese Geräte, Braille-Zeilen genannt, verarbeiten Bildschirminhalte und übertrage sie in Punktschrift. Zusätzlich können Personal-Computer auch mit einer synthetischen Sprachausgabe ausgestattet werden. Bildschirminhalte und Texte werden vorgelesen. Die Grenzen des Gerätes liegen da, erklärte Werner S., wo es auf dem Bildschirm um reine Grafik geht. Die Beschäftigung damit ist arbeitsteilig den sehenden Kollegen oder Kolleginnen vorbehalten.

Die Kunden der Firma sind Unternehmen, die Arbeitsplätze für Sehbehinderte und Blinde einrichten wollen. Es liegt auf der Hand, dass Werner S. Rat schon bei der Entwicklung der dazu notwendigen Geräte gefragt ist. Als Betroffener weiß er am besten, was wichtig und notwendig ist. Auch beim Verkauf der Geräte ist er ein idealer und kompetenter Gesprächspartner: „Ich kann den Leuten zeigen, wie ich als Blinder Punktschrift lese und das System bediene.“

Während Werner S. mir dies souverän an seinem Computer demonstrierte, fragte ich noch einmal nach, ob das Blindsein ihn in seinem beruflichen Umfeld denn nun vor besondere Schwierigkeiten stelle. „Wenn viele Menschen um mich herum sind“, war die spontane Antwort, „zum Beispiel in großen Räumen und auf Messen. Ich orientiere mich nach der Akustik, und je lauter und je größer der Raum ist, desto schwieriger wird es.“ Geht es wirklich einmal nicht ohne visuelle Wahrnehmung, braucht er im Privatbereich und in der Firma die Unterstützung seiner Mitmenschen. Aber das meiste erledigt er alleine. Er hält Haus und Garten in Ordnung, geht mit Hilfe des Blindenstockes auch ohne Begleitung zur Arbeit. Wenn erforderlich, bringt ihn seine Frau mit dem Auto ans Ziel. Besondere Privilegien im Beruf hat er nicht, will er nicht. Vor allem will er kein Mitleid.

Warum auch? Es gebe kaum Probleme und Nachteile, es gehe ihm gut, betont Werner S. immer wieder. Und so zweifelsfrei, wie es klingt, muss man es ihm glauben. Er hat noch eine klare Erinnerung an Farben, Konturen, Formen: „Wenn Sie mir sagen, dass Sie sich ein grün-blaues Auto gekauft haben, dann habe ich eine Vorstellung davon. Und wenn Sie mir in den Bergen das Panorama beschreiben, habe ich auch davon ein klares Bild.“ Gerade deshalb müsse er doch sehr viel vermissen, wandte ich ein, den schließlich wisse er doch, dass die Wirklichkeit auch ganz anders aussehen könne. „Nein“, antwortete er ohne Zögern, „ich vermisse nichts. An den Tatsachen kann ich nichts ändern. Ich lebe damit.“ Aber er wolle doch gewiss wieder sehen können, wenn das möglich wäre. „Nein, also ich weiß nicht …“

Werner S. hat seine Blindheit als unwiderruflichen Teil seines Lebens akzeptiert. Wäre er nicht blind geworden, hätte ihn vielleicht ein anderes Schicksal ereilt. Und wie er es sagt, ist es nicht der Ausdruck von Fatalismus, sondern seine realistische Auffassung vom Leben.

Werner S. hält nichts davon, die Dinge einfach hinzunehmen, wie sie kommen. Menschen mit der Diagnose Retinitis Pigmatosa rät er, vor allem in der Anfangszeit, in der das Sehvermögen sich ständig verschlechtert, nicht zu resignieren: „Da ist man total down. Aber wenn man da einmal durch ist und klar weiß, was man will, dann geht es auf alle Fälle weiter.“ Werner S. betont, wie wichtig es für RP-Kranke ist, sich „frühzeitig klar zu machen, dass Änderungen notwendig sind und dass diese Umstellungen sehr, sehr schwierig sind: Man muss sein ganzes Leben an die Sehbehinderung anpassen.“ Als beispielsweise bei dem Ehepaar der Wunsch nach Kindern aufkam, war der Gang zu einer genetischen Beratungsstelle selbstverständlich.

Gewiss, das Leben als Blinder habe seine besonderen Probleme, sagt Werner S. Aber insgesamt und heute, nachdem er seine Blindheit angenommen habe, gebe es dennoch viele Möglichkeiten für ein erfülltes tolles Leben: „Ich bin wirklich zufrieden. Ich habe eine sichere Arbeitsstelle, eine Frau, zwei Kinder. Was will man mehr. Ich bin rundum zufrieden.“

Autor: K. Schmitz

Dieser Artikel erschien in der ersten Ausgabe „Augenlicht“ 1997.