Ärztliche Ethik (Radio)

Dez 11th, 2008 | By HJH | Category: Herausgeberkommentare

Das Jahr neigt sich langsam dem Ende zu. Auf meinem Schreibtisch türmen sich Bücher, Ausdrucke und Zeitungsausschnitte. Zwischen Weihnachten und Neujahr werde ich aufräumen. Und so kommt es, dass aus Platzgründen ab und zu ein Schnipsel auf den Boden fällt. Wie jüngst. Da lag dort die Notiz über den SARS-Tod des italienischen Arztes Carlo Urbani. Sie erinnern sich: die Lungen-Infektionskrankheit, die erstmals im November 2002 in der chinesischen Provinz Guangdong beobachtet wurde und die Welt in Angst und Schrecken versetzte. Urbani war engagiert bei Ärzte ohne Grenzen, deren Präsident für Italien er wurde. Er war eines der Mitglieder, die 1999 den Friedensnobelpreis im Namen der Organisation  entgegennahmen. Im September 2002 war er wahrscheinlich der erste, der die Atemwegserkrankung erkannte und klassifizierte. Urbani erkrankte selbst und starb am 29. März 2003 an den Folgen der Krankheit. Er war verheiratet und hinterließ drei Kinder.

 

Carlo Urbani in Asien
Hören mit Augenlicht Visioncare  

 

Diese Notiz lag unter meinem Schreibtisch. Ich hatte sie verwendet als Vorbereitung zu einem Vortrag vor Landespolitikern in Schleswig-Holstein im November diesen Jahres. Darin referierte ich über den tiefen ethischen Hintergrund des Arztberufs. 

Kaum jemand macht sich Vorstellungen darüber, wie lang der Weg ist, bis ein Facharzt am Ende seiner Ausbildung angekommen ist. Nach dem Abitur dauert es noch mindestens zehn Jahre – und wer noch promoviert (also seinen Doktor macht), braucht noch länger. Wer sich der Mühe unterzieht, einmal das so genannte Genfer Gelöbnis zu studieren, der ahnt, dass im Medizinsystem Geldgier – anders als im Finanzsystem – nicht greifen kann. Wobei ich einräumen muss: Jede Ausnahme bestätigt die Regel. Zehn von Hippokrates abgeleitete Gebote stehen hinter jeder ärztlichen Berufsordnung.

Kennen Sie einen Beruf, der moralisch so geschnürt ist? Der Arzt Urbani floh nicht, sondern setzte sich beim Helfen der Gefahr des eigenen Todes aus. Während wir im Aufzug bei einer Grippewelle die Luft anhalten und ständig fürchten, uns anzustecken, geht diese Berufsgruppe auf die infizierten Kranken zu.

Und was tut unsere Politik? Sie bringt Gesetze auf den Weg, die denjenigen letztlich das Helfen immer mehr erschweren, die in der Not zu uns stehen, weil die ärztliche Moral das verlangt und sie entsprechend ausgebildet wurden. 

Was können wir tun? Innehalten und vielleicht darüber nachdenken, was die Witwe von Dr. Urbani ihren Kindern erzählt, warum ihr Vater starb und auch für wen. Im Genfer Gelöbnis steht: „Ich werde jedem Menschenleben von seinem Beginn an Ehrfurcht entgegenbringen und selbst unter Bedrohung meine ärztliche Kunst nicht in Widerspruch zu den Geboten der Menschlichkeit anwenden.“ Wer von uns würde das in seinem Beruf unterschreiben? Sicherlich die wenigsten, oder? Unter Bedrohung wissen wir, was wir tun. Fliehen.  Deshalb heißt es: fair sein gegenüber unseren Ärzten.

So bin ich froh, dass ich diese Notiz auf dem Boden fand. Jetzt kann ich sie wegtun und hoffen, dass Urbani fast sechs Jahre nach seinem Tod noch einmal ein paar Gedanken entgegenfliegen. Seine Kinder können stolz auf ihren Vater sein.
Der Herausgeber

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